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Nachtbusse in Tübingen: Wie man als Studierender seine Stadt verändern kann

Freitagnacht, kurz nach 3 Uhr an der Bushaltestelle WHO Ahornweg. Etwa 25 Studierende stehen herum, reden und warten auf den Bus, der sie nach Hause fährt, zurück in die Innenstadt. Die meisten in dieser Gruppe sind zuvor im Kuckuck gewesen, der immer noch eine dreiviertel Stunde geöffnet hat. Manche stört es, dass sie jetzt gehen müssen, doch der Bus, der gleich zur Haltestelle kommt, wird der letzte sein. Wird er verpasst, müssen sie ein teures Taxi nehmen oder 45 Minuten in die Stadt zu fuß gehen. Mit dem Bus braucht es nur 12 Minuten und Studierende zahlen nichts extra dafür.

Öffentliche Verkehrsmittel in der Nacht sind nicht unbedingt normal in kleinen Städten mit unter 100.000 Einwohnern, obwohl die Idee in den vergangen Jahren auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Tübingen war bei dieser Entwicklung ganz vorne mit dabei und ist es immer noch. Erst kürzlich wurde im Gemeinderat beschlossen, dass die Nachtbuslinien ausgeweitet werden und jede Nacht fahren sollen. In einer Übergangsphase zusätzlich zum Sammeltaxi, dessen Zukunft weiter ungewiss ist. Mit den täglichen Nachtbussen wird Tübingen sogar ein besseres Angebot haben, als das sieben mal größere Stuttgart, wo die Nachtbusse weiter nur in der Donnerstagnacht und am Wochenende fahren.

Ein langer gelb-roter Bus mit der Nummer N94 Richtung Hauptbahnhof zeigt sich hinten in der langen Biegung im Vorort Waldhäuser Ost. Er ist pünktlich, viele Menschen sind nicht drin, was sich aber gleich ändert. Etwa fünf Menschen sind in der Zwischenzeit dazu gekommen, ein Student erwischt den letzten Nachtbus noch gerade so. Es scheint nicht so, also ob ihm klar wäre, dass es dieses Service nicht gab, als seine Eltern in seinem Alter waren. Zu diesem Zeitpunkt an der Haltestelle WHO Ahornweg scheinen ihn viele für selbstverständlich zu halten. Oder, sie denken gar nicht darüber nach.

Doch die Nachtbusse für selbstverständlich zu halten wäre falsch: Der erste Nachtbus fuhr erst am 18. April 1996. Und es war ein kleiner Kampf bis Tübingen dieses System bekommen hat, das nur deswegen gekommen ist, weil der Zeitpunkt und Glück gestimmt haben. Und weil sich ein Mann mit persönlichem Engagement dafür eingesetzt hat. Dieser Mann heißt Boris Palmer und war zwischen 1995 und 96 zuständig für Verkehr und Infrastruktur im AStA an der Universität Tübingen. Ein einfacher Studierendenvertreter, abgesandt in ein städtisches Verkehrsgremium.

“Es fühlt sich immer noch wie mein erstes Baby an” – Palmer, jetzt bekanntermaßen Oberbürgermeister der Stadt Tübingen, wirkt immer noch ein wenig sentimental, wenn er darüber spricht. “Es war ein großartiges Gefühl, als hunderte Menschen in der ersten Nacht auf den Bus gewartet haben.” Es hatte sich gelohnt: Die Nachtbusse waren vom ersten Tag an ein Erfolg und die Auslastung hoch. In der Stadt hatte es zuvor Meinungsverschiedenheiten gegeben gegeben. Das Schwäbische Tagblatt schrieb dazu anlässlich der ersten Fahrt: “Braucht es den Bus wirklich? Hat die Stadt überhaupt ein Nachtleben? Haben die Nachtschwärmer einen Bus verdient?” und antwortete gleich selbst: “Nach der ersten Nacht stand fest: Dieses Angebot würde nun nie mehr wegzudenken sein.”

“Ich war mir darüber zuvor nicht sicher”, sagt Palmer jetzt. Deswegen wollte er auf jeden Fall dafür sorgen, dass die ersten Busse nicht leer durch Tübingen fahren. “Ich habe Plakate an den Haltestellen aufgehängt”, sagt Palmer. Auf diesen habe er – zusammen mit der Alternativen Liste – allen, die bei der Jungfernfahrt dabei waren, ein Glas Sekt versprochen. Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: “Es hat funktioniert”.

“Die Einführung der Nachtbusse erforderte ein wenig Glück”, sagt Palmer. Sie kamen parallel zur Einführung eines neuen verbundweiten Semestertickets. “Weil die Stadt dadurch mehr Einnahmen hatte, konnte ich verlangen, dass der Service sich auch verbessern musste.” Der letzte Bus am Wochenende war damals um 22:30 Uhr. “Wenn man einen längeren Film im Kino angeschaut hat, hatte man ihn verpasst und musste Heim laufen”. Das fand Palmer nicht so super, schließlich hatte er damals in Lustnau gewohnt. Also entwarf er eigenhändig einen Plan für die Nachtbuslinien und brachte diesen zu einem Treffen mit Gemeinderatsvertretern. “Ich hab halt geschaut, wo man den Bus braucht und dahin eine Linie gelegt.” Die Linienführung war allerdings am Anfang gewöhnungsbedürftig. Immerhin fahren die Nachbusse ja anders als die Busse am Tag. Aber schon am ersten Tag bestätigt das Tagblatt: “Tatsächlich funktionierte das für Laien komplizierte Schleifen- und Wechselsystem ganz gut in dieser ersten Nacht.”

Außerdem – so Palmer – habe er vorab in Vorlesungen eine Umfrage gemacht, bei der 60% der Studierenden angegeben hatten, dass sie die Idee mit dem Nachtbus gut finden würden. Das war dem Gemeinderat genug, um das Ganze zu testen. Mit Erfolg: Palmers Plan ist heute immer noch Grundlage für die Nachtbus-Linien.

“Wenn du etwas erreichen willst, dann brauchst du ein Konzept”, sagt Palmer. “Und du musst mit den Menschen reden, die das am Ende entscheiden. Diese Leute freuen sich, wenn jemand mit Ideen zu ihnen kommt.” Und Palmer ist – als Oberbürgermeister – jetzt selbst einer dieser Menschen. Seine Botschaft an Studierende, die sich engagieren wollen: Wenn du etwas ändern willst, dann fordere es nicht einfach nur, sondern finde eine Lösung und geh’ damit zu den Entscheidungsträgern.

Diese Erfahrungen sind – so Palmer – auch ein Grund, warum er heute im großen Eckbüro im Rathaus sitzt und die Entscheidungen treffen darf. Das Engagement in lokalen Fragen war das Sprungbrett in die Kommunalpolitik. “Natürlich gab es da auch noch andere Gründe, aber wenn meine Partei nicht gewusst hätte, dass ich etwas gebacken bekomme, hätten sie mich wahrscheinlich nicht nominiert.”

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