Home > Allgemein > US-Wahl: Der Blick aus dem Elfenbeinturm in Yale

US-Wahl: Der Blick aus dem Elfenbeinturm in Yale

Bis zum Sommer war Constantin Cless noch Historiker in Tübingen. Zu diesem Wintersemester ist er als Doktorand nach Yale gegangen. In den Siebziger Jahren hat Hillary Clinton Jura in Yale studiert. Hier ist das liberale Amerika. Die überwältigende Mehrheit von über 95% der Universitätsangehörigen unterstützt die demokratische Kandidatin, oder auch Kandidaten von dritten Parteien. Am Ende wurde es nicht Clinton, Johnson oder Stein. Cless berichtet wie er als Neuling in den USA die Wahl erlebt hat.

Ein Gastbeitrag von Constantin Cless

Wäre die Wahl einzig in Yale entschieden worden, so hätten Hillary Clinton und der progressive Bernie Sanders sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Doch wird die Wahl eben nicht von Angehörigen einer elitären Universität entschieden, sondern von dem Kollegium der Wahlleute. Der Schreck im Elfenbeinturm war deshalb umso größer, hier ein Bericht, wie ich die letzten 28 Stunden erlebte:

9. November 2016: Passend zu den Nachrichten ist die Sonne an diesem Morgen nicht wirklich aufgegangen wie es Barack Obama angekündigt hatte. Der Himmel blieb den Tag über Tag wolkenverhangen, der berühmte Indian-Summer Neuenglands war vorüber.

Die Wahlberichterstattung begann ich vergangene Nacht mit einer Watch-Party bei meinen Nachbarn im Stockwerk über uns. Die Gäste sind überwiegend angehende Wissenschaftler, Doktoranden aus allen Teilen der Vereinigten Staaten. Die Eltern meines Nachbarn waren aus dem Swing-State Ohio gekommen, andere sind als Briefwähler in New Hampshire, North Carolina, Florida registriert – auch hier ist zu Beginn unsicher, wer den Staat holt.

Die Stimmung: Hillary wird schon gewinnen

Zu Beginn des Abends war die Stimmung gelöst. Jeder ist davon überzeugt, dass Hillary gewinnen würde. Jeder war erleichtert, denn endlich würde dieser scheinbar immerwährende Wahlkampf vorüber sein. Selbst die pessimistischsten Stimmen schienen zu diesem Zeitpunkt überzeugt, dass es allerhöchstens eine lange Nacht und ein enger Wahlsieg für Clinton werden würde.

Der sensationsheischende Ton des CNN Moderators Wolf Blitzer störte mich schon bevor die ersten Ergebnisse eintrafen. Als gegen 21 Uhr, Ohio, Florida und North Carolina in der Schwebe hingen hielt ich die Berichterstattung nicht mehr aus. Ein paar Schritte in der kühlen Nacht, fetttriefende Chicken-Wings – für Amerikaner “Soulfood” – zur Ablenkung.


CNN prognostiziert den Sieg von Donald Drumpf in Florida

Doch die Nachrichtenlage entspannte sich nicht, die Stimmung unter den zwanzig Gästen trübte sich zunehmend ein. Keine plötzliche Panik, kurze Jubelausbrüche als etwa Colorado und Virginia an Hillary gingen, doch die Gespräche wurden leiser, das Lachen nervöser, Wolf Blitzers Stimme trug nicht zur Beruhigung bei. Das hyperaktive CNN nicht mehr ertragend, wechselte ich das Wohnzimmer, ein Stock tiefer, die Luft noch nicht zum Schneiden. Auf NBC waren die Nachrichten ebenso düster, doch die Moderatoren gefasst, niemand schrie in die Kamera, niemand unterbrach die Analysen der Statistiker mit Platitüden.

Die Onlineausgabe der New York Times, die Statistikseite Fivethirtyeight, die linksliberale Onlinenachrichten der Young Turks, lieferten die kalten, harten Daten. Clintons Möglichkeiten schwanden auf den Karten auf meinem Computerbildschirm, als die Nachrichtenkanäle noch Hoffnung verbreiteten.

Ein Heiratsantrag wegen der deutschen Staatsbürgerschaft

Die Gäste gingen nach und nach: leise, verzweifelt, der ein oder andere mit Galgenhumor. Ein bitterer Heiratsantrag um der deutschen Staatsbürgerschaft Willen. Drumpf betrat die Bühne in New York mit seinen engsten Unterstützern. Es grenzt an ein Wunder, dass in einem Saal in dieser Stadt, für so viele Menschen auf der Welt ein Symbol des amerikanischen Traums, nahezu ausschließlich Weiße zu sehen waren. Und die Roten Baseballcaps: das Kennzeichen der Drumpf-Wähler zur Bewegung zu gehören, die Uniform – für mich wirkte das schon fast wie das braune Hemd.

Um meinen Doktorvater wie auch eine alte Weisheit zu paraphrasieren, ist es der Fluch des Historikers dem zuzusehen was in der Welt passiert und zu wissen wohin es führen kann. Und laut der Yale-Historikerin Marci Shore, deren Thema die Geistesgeschichte Europas im 20. Jahrhundert ist, ist es der Fluch der Europäer das Bewusstsein zu haben, dass Alles zusammenbrechen kann. Wie ich selbst, fragte sie sich noch an diesem Montag ob unsere Befürchtungen wohl dem nahekommen was die Mahner im Winter 1932/33 gefühlt haben müssen. Die USA sind nicht alt – eine Binsenweisheit deren man sich doch immer wieder vergegenwärtigen muss – 240 Jahre sind nicht lange für einen Staat, für ein Imperium. Das Heilige Römische Reich hielt 900 Jahre, dann brach es so plötzlich zusammen. Die Menschen rieben sich nicht einmal überrascht die Augen, sondern zuckten mit den Schultern und zimmerten sich ihre lokalen Fürstenstaaten.

Mit den Flüchen des Historikers und Europäers doppelt belastet wachte ich am Morgen nach der Wahl auf. Mein Mitbewohner, ein stets sonnig gelaunter Amerikaner aus dem mittleren Westen, ein kluger und gebildeter Historiker und überzeugter Clinton Wähler, war besser gelaunt. Enttäuscht von seinem Land, wütend gar, diskutierte er beim Frühstück, dass “es trotz allem nicht so schlimm werden würde”. Die USA haben ihre Checks-and-Balances, Drumpfs Ratgeber können ihn unter Kontrolle behalten. Mir wurde Übel, nach Max Liebermann, “kann ich gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte”.

Die Frage: Warum forscht man in der Geschichte, wenn sich doch nichts ändert?

Als Mediävist macht man sich Gedanken über die tiefe Vergangenheit, die Kultur scheint oft fremd wie die ferner Länder und die Frage wozu dies überhaupt gut sein soll kommt, in Zeiten eines weit verbreiteten Antiintellektualismus und grundsätzlichem Skeptizismus gegenüber den monetär schwer fassbaren Geisteswissenschaften, sicher Vielen über die Lippen. Dass die Vergangenheit lediglich als Testfeld dafür dient tiefere Fragen über die Menschlichkeit selbst, Gesellschaften an sich – Fragen über Gewalt, Religion, Recht und Unrecht, Herrschaft, Elite, Fortschritt, Hass – zu beantworten ist sicherlich ein sehr abstraktes Konzept. Doch, erwartungsgemäß, stellte ich es nie in Frage.

Doch an einem Morgen wie diesem fragte ich selbst wozu das alles, wenn man doch nichts ändern kann? Welches Expertenwissen benötige ich, um nicht nur zu verstehen was um mich geschieht, sondern um es auch anderen verständlich zu machen? Wenn niemand unserer Gegenwart klarmacht, dass die aggressive Rhetorik, der Anspruch der Exklusivität auf ein System, die Betonung maskuliner Stärke, die Drohungen gegen den politischen Gegner, die Versprechen wunderbarer Heilung wirtschaftlicher Probleme, die Ankündigung radikalen Durchgreifens der Polizeigewalt, die roten Hüte Nichts anderes sind als Faschismus, ist es dann meine Aufgabe dies zu tun? Sollte ich meinen Forschungsschwerpunkt auf vergleichenden Faschismusstudien verlagern? Und grundsätzlicher: Möchte ich überhaupt in einem Land wie diesem leben?

In einer E-Mail an meinen Doktorvater stellte ich diese Fragen und überzeugte mich dann selbst es wäre besser in die Vorlesung zu gehen als die Nachrichten zu verfolgen. Mich den Untiefen des Internets auszusetzen.

Die Stimmung auf dem Campus erinnerte mich an einen Morgen in der 12. Klasse, als die Nachricht des plötzlichen Todes eines beliebten Lehrers, die gesamte Schule aus der Bahn warf. Gedämpfte Gespräche, nervöses Scherzen, der Versuch Normalität zu simulieren und sich auf die Vorlesung zu konzentrieren. Das liberale Amerika trauert.

“Willkommen zur Apokalypse,” scherzte der Anthropologe James Scott, doch sein Lachen war bitter und kein bisschen amüsiert. “Keine Spur vom einzigen ‘undocumented Immigrant’ der als Doktorand Politologie studiert – seit gestern 20 Uhr.” Studenten und Doktoranden aus muslimischen Ländern, aus Südostasien, aus China zweifeln mehr noch als ich ob dieses Land sie weiter Willkommen heißt.

Internationale Professoren fragen sich das selbe, ist es Zeit sich nach einer Stellung in Europa umzusehen? Doch mit Blick auf Brexit, Front National, AfD fragen sie sich auch: bietet Europa einen Ausweg?

Die bereits im Vorfeld angekündigte Podiumsdiskussion für den Abend, “Election 2016 – What Now?”, wurde noch am Morgen in einen größeren Vorlesungssaal verlegt. Trotzdem reichte der Platz bei weitem nicht aus.

Es gehört zu den Eigenheiten dieses Landes, dass in all der Überraschung, ja Verzweiflung die Hälfte der Fragen sich tatsächlich um das “What Now?” drehten.

Ich begreife weiter nicht warum nicht jeder in Schockstarre verfällt angesichts der Parallelen zu 1933. Doch es gibt eine weitere Parallele: 1968 – die Wahl Richard Nixons, welche der progressiven Jugend, bereits aktiv und frustriert, den prekären Zustand des fragilen demokratischen Systems vor Augen führte.

Die progressiven Kräfte in den USA und der Welt stehen an einem Punkt an dem allein Dunkelheit den Pfad umgibt, kein Licht in der Ferne deutet den Weg durch das Dickicht, es gibt kein Zurück, nur ein immer vorwärts.

p1070244

Proteste in Yale – Bild: Cless

Es formt sich eine Protestbewegung

Am Abend versammeln sich Studierende in einer Mehrzweckhalle, der gotische Bau beherbergt auch eine Kapelle, der Raum erinnert trotz Spitzbogenfenster aber eher an einen kleine Turnhalle. Hier sind die Millenials – es ist ähnlich wie beim Brexit Referendum – hätten nur die Stimmen dieser Generation gezählt, hätte Clinton 504 der 538 Stimmen im Kollegium der Wahlleute gewonnen. Es gibt keine roten Baseballkappen, der Anteil der Weißen ist ähnlich groß wie die Anteile Schwarzer, Asiaten, Latinos, die ein oder der andere trägt Kopftuch, Kippah. Es gibt zu wenig Stühle, zweihundert, dreihundert drängen sich mit gekreuzten Beinen auf dem Boden.

Solidaritätsbekundungen, Gesprächsangebote, Besorgnis, Schock – Zustimmung wird durch Fingerschnipsen bekundet. Ein Gedicht, ein gemeinsames Lied über das Licht in der Finsternis. Ein Student, vielleicht 19, hat das Wort, die Eltern Immigranten aus China. Er ist wütend, er will sich das Land nicht von Drumpf Wählern wegnehmen lassen. Das schnipsen ist enthusiastischer. Ein anderer Student, nicht älter, Ureinwohner. Die Vertreter von Schwarzen, LGBTQ, Frauen, Muslimen müssen sich endlich vereinen und gegen den Trumpismus aufstehen. Das Land gehört nicht einer alternden, weißen Generation von Babyboomern, die Zukunft gehört ihnen.

Um Mitternacht berichtet die New York Times von Demonstrationen in New York, Dallas, Oakland, Boston, Chicago, Portland, Seattle, Washington, Los Angeles.

Leave a Reply