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Rechte Schmierereien vor Uni-Gebäuden

“Deutschland schafft sich ab” – so der Titel des Bestsellers von Thilo Sarrazin aus dem Jahr 2010. Schuld daran sei so Sarrazin auch die Zuwanderung von Menschen muslimischen Glaubens. Ins gleiche Horn bläst auch der thüringische AfD-Vorsitzende Björn Höcke; bei den Pegida-Demonstartionen in Dresden und weiteren Städten kommt dieses Thema gut an. In Tübingen waren politische Aussagen aus diesem Spektrum nicht aufgefallen. Bis jetzt.

Übermalte Schmierereien - jetzt wird zur Musik getanzt

Übermalte Schmierereien – jetzt wird zur Musik getanzt – Foto: Sirin Spindler

Denn diese Themen wurden jetzt von Schmierfinken vor der Universitätsbibliothek Tübingen und dem Brechtbau wieder aufgegriffen. Mit wasserfester Farbe wurden Umrisse von Menschen auf den Boden gesprüht, so wie man es von Leichen aus dem Tatort kennt. Darin sind Worte wie “Deutschland”, “Tradition”, “Identität” und “Familie” geschrieben. Ganz offensichtlich soll damit ausgesagt werden, dass diese Dinge in diesem Land gestorben sind – oder eben abgeschafft wurden. Wer die Schmierer sind, ist nicht bekannt. Die Polizei kannte den Vorfall am Donnerstag noch nicht einmal und wurde erst durch unsere Nachfrage darauf aufmerksam gemacht.

Die Tübinger Juso-Hochschulgruppe sprach in einer Stellungnahme von einer “reaktionären Botschaft” die hinter den Schmierereien stecke und warnt davor, dass die rechtskonservative Szene auch an unserer Hochschule aktiver werde. Solche Aussagen gehörten ins 19. Jahrhundert. Besonders stört die Juso-HSG, “dass als Ort dieser Polemik die Universitätsbibliothek, die als offener Raum für intellektuellen, interdisziplinären und interkulturellen Austausch steht, gewählt wurde.” Sie empfinden das als “besonders geschmacklos, da dadurch Menschen, die nach Meinung der Urheber_innen für den ‘Tod’ der genannten Kategorien verantwortlich seien, zwangsläufig mit dieser Hetze konfrontiert werden und ihnen symbolisch der Zugang zu universitären Bildungsinstitutionen verwehrt werden soll. Die Universität muss jedoch ein angstfreier Raum bleiben, an dem jeder Mensch so sein kann, wie er_sie will.”

Inzwischen wurden die Schmierereien mehrfach mit Kreide übermalt. Der Regen hatte erste ergänzende Aussagen wie “Liebe statt Hass” oder “Ihr seid so 30er” weggespült, die Schmierereien waren geblieben. Das blieb aber nicht lange so. Statt der rechten Aussagen tanzen jetzt Menschen zur Musik.

Die Juso-HSG ruft die Universität dennoch dazu auf, die Schmierereien schnell zu entfernen und sich eindeutig gegen solches Gedankengut aussprechen. Nur durch eine solch eindeutige Positionierung könne die Universität Tübingen ihrem Credo ‘innovativ – interdisziplinär – international’ gerecht werden. Die Universität möchte nach Angaben der Pressestelle die Schmierereien so schnell wie möglich entfernen lassen. Das sei aber nicht so leicht. Am Montag werde sich ein Fachmann darum kümmern.

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