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Luke Mockridge: Der will doch nur spielen

Luke Mockridge gilt als Shootingstar der deutschen Comedyszene. Das Ensemblemitglied von Stefan Raab hat jetzt sogar eine eigene Latenight Show zur besten Sendezeit. Es heißt, der 25-Jährige vereine die Stärken deutschen Humors. Dabei steht Mockridge vor allem für eins: die Belanglosigkeit.

von Jan Horst

Pressefoto von Luke Mockridge - Quelle: Heiko Neumann PR

Pressefoto von Luke Mockridge – Quelle: Heiko Neumann PR

Surferboy-Frisur, schiefes Lachen, das Handmikro fest in der Hand. Alle Augenpaare im zur Comedystube umgebauten Waschsalon sind auf ihn gerichtet. Der junge Mann mit Musicalerfahrung beginnt zu singen. Ohne ausschweifende Begrüßung stimmt er einen Song an, den jeder der Gäste im Mittzwanzigeralter sofort erkennt und auch ohne Aufforderung sofort mitsingt. Das Intro der Gummibärenbande von Disney. Diese Zeichentrickserie aus den 90ern ist das Paradebeispiel für den Humor und das Selbstverständnis von Luke Mockridge, 25, Sohn eines Künstlerpaares und seit Jahren die Nachwuchshoffnung in Sachen Spaß. Die Gummibären sind das, was für Mario Barth die Freundin, für Kaya Yanar lustige Inder und proletenhafte Türken sind. Die 90er Jahre stehen für klobige Walkmans, klobige Schuhe, Zeichentrickserien und Techno. Das kennen die Jahrgänge 1980 bis 1990. Das ist ihr common ground.

Luke Mockridge, Jahrgang 1989, hat die Stärke dieser verschworenen Jugendgemeinschaft längst erkannt und baut sein Schaffen ganz gezielt darauf auf. Er macht Witze über die Snooze Taste, vergeigte Klassenarbeiten, den Sportunterricht und fragt wann genau man denn beim Sex die Socken loswerden soll. Das ist klug von ihm, sehr klug sogar und extrem berechnend. Es ist nah genug dran, um sich zu erinnern, und weit genug weg, um nostalgisch zu werden.

Wo ist die Tragödie hin?

Woody Allen prägte den Satz: Tragödie plus Zeit gleich Komödie. Jan Böhmermann machte es zum Leitthema seiner Stand-Up Tour. Das Thema Zeit spielt Mockridge in die Karten, die Tragödie ist nicht nur bei ihm irgendwo abhanden gekommen. Kritiker werfen ihm und den neuen Youtube-Comedians, zu denen auch die Werbe-Könige von Y-Titty oder Joice Illg zählen vor, den Humor im klassischen Sinn aus den Augen verloren zu haben. Sollte Humor nicht irgendwann mal in neue Welten entführen, statt die bekannten wiederzugeben? Sollte ein Gag nicht erst Erwartungen aufbauen, um sie ganz gezielt zu brechen? Aber was nützt eine eingestaubte Definition, wenn der Zuschauer, wenn Millionen Abonnenten herzlich ablachen?

Fragt man Mockridge in Interviews nach seinem Verständnis von Humor gibt er sich kleinlaut. Er will unterhalten, Menschen den in seichter Unterhaltung häufig bemühten Eskapismus liefern. Er nennt das in Pressemitteilungen „anarchischen Kindergeburtstag“. Da, wo alle heimisch sind, und sich keiner auf die Füße getreten fühlt. Das Anecken, das Grenzen überschreiten, dafür findet er keinen humoristischen Ansatz. Will er auch nicht. Wie die meisten Comedians profitiert er vom kleinsten gemeinsamen Nenner des Humors. Vielleicht mal kurz unter die Gürtellinie zielen, aber bitte nur so sehr, dass bei Muttern auch mal wieder dieses kehlige Lachen, das früher bei Gottschalk im Dauerbetrieb war, aufblitzt.

45 Minuten Mainstream

Es ist für Mockridge sicher ein Erfolg, seit Mitte März eine eigene Latenight Show „Luke – die Woche und ich“ auf SAT.1 zu moderieren. Er genießt vollstes Vertrauen vom Sender – auch wenn das Studio mehr nach schmalem Budget und „erstmal abwarten“ aussieht. Auf einem Sendeplatz, auf dem einst Pocher scheiterte, macht er schon vieles richtig. Natürlich ist dabei nicht alles neu. Natürlich ist das Musical-Spiel „Luke Box“ mit der charmanten Chantal Janzen bei Jimmy Fallon entliehen. Geschenkt. Mockridge geht auf in der Rolle des Tausendsassas, er kann singen, er kann Einspieler, er kann spontan. Er ist selbst beim Shades of Grey-Stelldichein im SM Studio noch der perfekte Schwiegersohn der Generation Patchwork. Das ist nicht Ingo Appelt, das ist nicht Atze Schröder, das ist 45 Minuten Mainstream-Unterhaltung, in guten Momenten amüsant (Mockridge singt vor anstehenden Peitschenhieben nackt in der Dusche den 90er Jahre Hit „Big Big World“), doch in den meisten vor allem belanglos.

Belanglosigkeit, das ist wohl das größte Problem, das Comedy im Jahr 2015 hat. Die Formel scheint so genial wie simpel: Finde eine Alltagssache, die jeder kennt und mache einen Gag daraus. Diese „Kunst“ beherrscht Luke Mockridge aus dem Effeff. Vermutlich wird er genau deswegen in ein paar Jahren einer der größten deutschen Unterhalter sein. Eine Gesellschaft bekommt immer die Regierung, die sie verdient. Mit den Comedians verhält sich das wohl nicht anders.

Autor Jan Horst ist Redakteur bei SWR3 Late Night und im Podcast Um Kopf und Kragen zu hören

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