Home > Kultur > Harte Vorlesestunde mit T.C. Boyle

Harte Vorlesestunde mit T.C. Boyle

///
Comments are Off

Osiander und Deutsch-Amerikanisches Institut laden den Rockstar unter Amerikas Schriftstellern nach Tübingen

Ein markantes Kinnbärtchen und Arme und Beine so dünn, dass sie fast an Besenstiele erinnern… Irgendwie trifft die Beschreibung der jugendlichen Möchtegern-Gangster auf den Anfangsseiten von T.C. Boyles neuestem Roman Hart auf hart auch überraschend gut auf deren Schöpfer zu. Addiert man zu diesem Look noch den verwegenen Seitenscheitel und die roten Converse Sneakers, würde man nicht vermuten, dass der Bestsellerautor mittlerweile schon 66 Jahre auf den schmalen Schultern hat…

Von Daniel Schottmüller

Foto: Martin Prechelmacher - Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany

T.C. Boyle in Wien 2012 – Foto: Martin Prechelmacher – Lizenz: Creative Commons Attribution-ShareAlike 3.0 Germany

Seit den späten 70er Jahren wird Thomas Coraghessan Boyle als einer der scharfsinnigsten Schriftsteller Amerikas gefeiert. 14 Romane und über 100 Kurzgeschichten später ist der große Saal im Tübinger Museums Kino bis auf den letzten Platz besetzt, als der Stargast mit einem breiten Lächeln die Bühne betritt. Boyle hat gute Laune! Der Kalifornier erzählt von seiner Zugfahrt nach Tübingen und unterhält mit charmant eingestreuten Deutschkenntnissen –  „Könnten Sie bitte Ihre Füße aus meinem Gesicht nehmen?”

Sein Gegenüber am heutigen Abend ist die ehemalige NDR-Moderatorin Margarete von Schwarzkopf. Beim erfrischend ungezwungenen Interview entpuppt sie sich auch gleich als Meisterin des Multitasking. In rasantem Tempo springt die Journalistin zwischen Frage und Antwort, Deutsch und Englisch, erklärender Erläuterung und euphorischem Lob für den Autor hin und her. Der wiederum ist sichtlich erfreut über Schwarzkopfs Interpretationsfreudigkeit und das aufmerksame Publikum in den Reihen vor ihm.

Tatsächlich fühlt sich Boyle gleich so zu Hause, dass er schon nach wenigen Minuten ein erstes Geheimnis lüftet. Hart auf Hart hat er eigentlich bereits im Jahr 2013 fertig gestellt. Die Herauszögerung des Veröffentlichungsdatum – lediglich eine Marketingkampagne seines Verlags… Den Zuhörern im Saal scheint das nicht allzu viel auszumachen. Immerhin ist das Buch in Deutschland bereits erschienen. Amerikanische Fans müssen sich noch einen ganzen Monat gedulden, bevor die Originalausgabe auf dem US-Markt erscheint.

Tübingen wird dann quasi Zeuge eines ersten Soundchecks, davon wie sich The harder they come im englischen Original anhört. Und nach 30 Minuten Frage-und-Antwort scheint Boyle doch einigermaßen erleichtert den Interviewsessel gegen das Vorlesepult eintauschen zu dürfen („That’s what I came for…“ ). Auch wenn das erste Kapitel des Buches direkt ein gewaltsames Aufeinandertreffen im Dschungel Costa Ricas schildert, gelingt es Boyle in seinem Vortrag gerade die Absurdität im Denken und Handeln seines Protagonisten hervorzuheben. Er versteht es genau so lebendig zu vorzulesen, dass sich Spannung, Humor und Realismus die Waagschale halten. Kein Wunder, schließlich wird Boyle in den USA als Rockstar unter Amerikas Schriftstellern gefeiert. Außerdem hat er eingangs bereits verraten, dass er jede neu erdachte Textpassage damit austestet, dass er sie erst einmal „Frau Boyle“ vorliest.

Heute funktioniert alles bestens. Auch als der Tübinger Schauspieler Johannes Karl kurz darauf übernimmt reißt der Spannungsfaden nicht ab. Karl liest die deutsche Fassung der Geschichte um den mürrischen Ex-Marine, Sten, der je nach Perspektive, zum Helden oder Mörder wird, als seine Reisegruppe einem Raubüberfall zum Opfer fällt.

Die Episode bietet den perfekten Einstieg in Boyles härtesten bisherigen Roman, denn auch wenn sie bereits Leitthemen, wie Gewalt und das Leben jenseits der Zivilisation, streift, verrät sie inhaltlich noch nichts von der eigentlichen Story. Deren wahrer Protagonist ist nämlich Stens schizophrener Sohn, Adam. Boyles Handlungsverlauf folgt mit dem Amoklauf Adams, seiner Flucht und der dramatischen Verfolgungsjagd in den Wälder Nordkaliforniens einer realen Geschichte, die sich vor drei Jahren tatsächlich zugetragen hat.

Wer wissen will, wie der literarischer Thriller ausgeht darf sich im Anschluss an die heutige Lesung am Bücherstand bedienen. Für Boyle geht es schon weiter zum nächsten Stop seiner Promo-Tour. Bevor er sich jedoch in Richtung Österreich aufmacht, verabschiedet er sich mit einem Versprechen: “I’ll be back!”

T.C. Boyle über sein neustes Werk

Creative Commons Lizenzvertrag
Harte Vorlesestunde mit T.C. Boyle von Daniel Schottmüller ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz.