Home > Kultur > “544 Tage” – Stefan Berg über seine Zeit als Bausoldat in der DDR

“544 Tage” – Stefan Berg über seine Zeit als Bausoldat in der DDR

SPIEGEL-Journalist Stefan Berg trat als 17-Jähriger seinen Wehrdienst in der DDR als Bausoldat an. Ein Dienst ohne Waffe,  als Soldat zweiter Klasse, der ein Wunschstudium sehr unwahrscheinlich macht. Am Freitag hielt der Autor eine Lesung über diese Zeit im Brechtbau an der Universität Tübingen.

Von Johannes Kolb

“Warum sind denn da so viele Reklame-Heftchen in Ihrem Spind, Herr Berg?” so ein Offizier bei einer Zimmerinspektion beim 18-jährigen Bausoldaten Stefan Berg. “Es waren natürlich Reclam-Heftchen, die da in meinem Spind lagen. Das man so dummen Menschen ausgesetzt ist, ist das Erschütterndste!” sagte ebenjener Stefan Berg am 30.01.2015, mehr als 30 Jahre nach seinem Wehrdienst, im Brechtbau vor Tübinger Studierenden über seine Zeit als Bausoldat in der DDR. 544 Tage verbrachte er nach seiner Schulzeit in einem Lager für Bausoldaten nahe Usedom, monatelang in Zelten, dann in einfachen Baracken. Wer dort seinen Wehrdienst absolvierte, galt als ein Soldat zweiter Klasse: Bausoldaten, zwar uniformiert, aber ohne Waffe, rekrutierten sich in der DDR hauptsächlich aus gläubigen jungen Männern, die aus religiösen Motiven Waffen ablehnten, oder aus Pazifisten und politisch Andersdenkenden. Allesamt äußerst verdächtig für die DDR-Führung. Wer seinen Dienst bei den Bausoldaten absolvierte, galt als nicht-linientreu und hatte kaum Chancen auf einen Studienplatz oder sonstige Privilegien. Dennoch entschied sich Stefan Berg als 17-Jähriger gegen den Dienst an der Waffe bei der Nationalen Volksarmee, einen gewissen Einfluss darauf hatte der Autor Günter de Bruyn.

Am 01.01.1982 warf Stefan Berg einen Brief bei dem damals sehr berühmten DDR-Schriftsteller de Bruyn ein, in welchem er ihm für seine jüngste, kritische Rede für die Friedensbewegung dankte und von seinem drohenden Wehrdienst erzählte. In seiner Antwort freute sich der damals 50-jährige Autor über die aufrichtigen Worte des 17-Jährigen und sah in Stefan Berg sein jüngeres Selbst – er hatte im zweiten Weltkrieg von 1943 bis 1945 als Luftwaffenhelfer kämpfen müssen und konnte Bergs Abneigung dem Militärdienst gegenüber nur zu gut verstehen. Aus diesen zwei Briefen entstand ein reger Austausch, über Jahre schrieben der junge Bausoldat Stefan Berg und der 50-jährige Autor Günter de Bruyn sich Briefe, sprühend vor Intellekt und scharfsinniger Analyse des Zeitgeschehens in der DDR, aber auch mit viel Witz über die teils absurden Zustände im Bausoldaten-Lager. Natürlich fiel es der Stasi bald auf, dass der junge Bausoldat Berg regelmäßig mit dem für seine kritischen Positionen bekannten Autor de Bruyn korrespondierte. In den Briefen selbst fragen sich Berg und de Bruyn manchmal, ob Ihre Konversation kontrolliert wird. Nach der Wiedervereinigung fand Stefan Berg in einem Stasi-Archiv seinen Briefwechsel mit dem Schriftsteller, samt Dienstvermerken der mitlesenden Stasi-Mitarbeitern. Diese Zeugnisse – ihre simple Sprache als Kontrast zu jener der wortgewandten Briefeschreiber – offenbaren ungefiltert die Paranoia und Gleichzeitig die Blödheit der Staatssicherheit.

33 Jahre nach seinem ersten Brief an de Bruyn hat Stefan Berg, heute Spiegel-Autor, im Tübinger Brechtbau sein Buch “Landgang” vorgestellt, in dem der gesamte Briefwechsel samt den Stasi-Kommentaren nachzulesen ist. Diese ungewöhnliche Korrespondenz zwischen einem jugendlichen Bausoldaten und einem 50-jährigen Schriftsteller ist ein sehr interessantes und gleichzeitig kurzweiliges Dokument, das zeigt, wie der Kontrollwahnsinn in der DDR das Leben aller beeinflusste – und wieso Freiheit so unglaublich wertvoll ist.

You may also like
Die Erwartungen enttäuscht – Querfeldein mit MC Fitti
Vom Sauerland nach Berlin: Querfeldein mit Markus Feldenkirchen

Leave a Reply