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“Gefällt mir” – Von der Kunst des richtigen Drückens

Ratgeber über alles und jeden sind mittlerweile in so ziemlich jedem vorstellbaren Format auf dem Markt vertreten: Börsenstrategien für Dummies, Allgemeinbildung für Dummies, Wie lebe ich richtig vegan? Wobei sich mir die Frage auftut, ob man denn auch falsch vegan leben kann. Nun denn. Auf jeden Fall ist der Markt überschwemmt von literarisch mal mehr öfters weniger gelungenen „Ratgebern“, die manch einen Leser im Nachhinein mehr verwirren als alles andere. Aber nun gut, warum also nicht auch eine Kurzanleitung, wann man wirklich „Gefällt-mir“ drücken sollte und wann dieses schöne kleine, blaue Daumen-hoch-Zeichen so unberührt wie eine alte Jungfer bleiben sollte.

Von Nina Fischer

Botón_Me_gusta

“Botón Me gusta” by Enoc vt – Own work. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons

Zugrunde liegen die Fragen, was der „Gefällt-mir“-Button denn wirklich für eine Bedeutung hat. Was das Volk der Cyberaddicts -oder bleiben wir doch einfach bei dem schönen deutschen Wort „Internetsüchtigen“, sind wir doch momentan alle ziemlich crazy auf dem Denglisch-Trip- mit einem „Gefällt-mir“ ausdrücken möchte und was für eine Reaktion dieser Miniklick bewirkt, frei nach dem Prinzip von Actio und Reactio.

Der Like-Button ist die „Bündelung emotionalen Zuspruchs“. Ja ne, ist klar. In unserer heutigen Turbo-Hochleistungs-Düsenjet-Gesellschaft bringt kaum noch einer mehr die Zeit auf, einem direkt -von Angesicht zu Angesicht- zu sagen: „Hey, cooles Outfit“ oder „Finde ich richtig gut, dass du bei der Anti-Pegida-Demonstration warst“. Nein, es muss schneller gehen. So eine Art Quickie-Zuspruch. Zeit ist schließlich unser kostbarstes Gut! Da kommt einem dieser kleine blaue Daumen doch gerade Recht. Man kommentiert diese oder jene Tätigkeit, dieses oder jenes Bild aus dem zehnten Abu Dhabi Urlaub einfach mit einem Klick auf den „Gefällt-mir“-Button. Super schnell, super effizient und natürlich auch schmerzfrei, denn man muss ja keinerlei Begründung liefern, warum einem das gefällt. Der positive Nebeneffekt: Alle anderen „Freunde“ der großen Community sehen meinen positiven Zuspruch ebenfalls. Damit werde ich meiner Rolle als guter Freund gerecht und es wird sogar nach außen getragen, wie sehr ich die gelikte Person und deren ach so interessanten Beiträge wertschätze.

Auf der einen Seite sind die “Like-Vampire”

Selbstverständlich gibt es verschiedene Like-Achetypen. Frei nach dem Motto „Sag mir was dir gefällt und ich zeige dir, wer du bist“, lassen sich doch einige, sicherlich nicht abschließende Kategorien bilden, deren Differenzierungsmerkmal das Liken im Netz darstellt. Da gibt es zum einen die Dauerliker, oder auch liebevoll die Vampire des Internets genannt. Sie sind Tag und Nacht daueronline, was bestimmt nur an der Facebook-App liegt, die sich einfach nicht mehr deinstallieren lässt. Ein Foto wird hochgeladen, eine Veranstaltung besucht oder eine Seite geteilt, keiner kommt schneller als der Vampir. Da staunt man nicht schlecht. Hochgeladen vor 30 Sekunden und schon einen Like eingesackt. Der Vampir bringt seine erregende Freude doch eben ziemlich schnell zum Ausdruck. Dabei fällt ihm im Eifer des Gefechts manch einmal gar nicht auf, was ihm denn da so gefällt. Pro und Anti-Pegida, kein Problem – er war bestimmt auf beiden Demos! Er besucht die Antifa Veranstaltung wurde am Abend danach aber auf einem Bild mit Verbindungsstudenten markiert, wie sie zur Pflege deutschen Kulturguts das genüssliche Oettinger Hell trinken? Ach, das passiert nun einmal, ist ja keiner wirklich frei, der seiner Ketten spotted.

Das komplette Gegenteil sind die Like-Geizkragen. In den seltensten Fällen verteilen sie hier und da mal einen Like. Vielmehr zeugt ihr Verhalten von totaler Askese und sie scheinen all das, was im Netz so herumflaniert, einfach stillschweigend hinzunehmen. Ob sie die Beiträge überhaupt wahrnehmen oder nicht, weiß man jedoch nicht und wird es wahrscheinlich auch nie erfahren. Im Weltbild manch einer Frohnatur nehmen die Geizkragen die Grumpy-Cat-Rolle einer „Gefällt-mir“-Generation ein.

Zwischen diesen beiden Extremen ist das Feld bunt besetzt und weit zerteilt. Vertreten ist unter anderem auch die ein oder andere Frohnatur im World Wide Web, die zumeist die Beiträge ihrer Liebsten liken, also derer, die sie auch live und in Farbe Freunde nennen würden. Oder aber die Mitläufer, die Dinge einfach nur mit „Gefällt-Mir“ markieren, weil, naja, um eben Teil des großen Like-Kuchens sein zu dürfen. Frei nach dem Motto: Hier, mich gibt’s auch noch und ich finde das übrigens wahnsinnig suuuuper was du da gerade online geboren hast.

Nur gute Laune bei Facebook

Diese Gute-Laune-Ära, die unter anderem auch der Grund ist, warum Facebook den von manch einem Nutzer heiß ersehnten Dislike-Button nicht einführen will, muss aufrecht erhalten werden und das geschieht nun einmal im Sekundentakt durch das Betätigen eines kleinen blauen Daumen-Hoch-Zeichens. Alles ist so schön positiv, schau her! Mein Haus, mein Hund, mein Essen, meine Lebensabschnittsgefährtin, mein Urlaub. Alles ist so wunderbar, sieh mich an, wie ich da in meiner vollen Pracht vor dem Louvre posiere und dir nicht einmal ein Gemälde nennen kann, welches darin zur Schau gestellt wird. Achja, außer Mona Lisa vielleicht. Und drück doch gefällt mir, damit auch der Rest unserer Cyberwelt, die mittlerweile zur echten Welt aufgestiegen zu sein scheint, auch sieht, dass DU dich für mich freust. Drück doch gefällt mir, während DU in deinem viel zu überteuerten 10 m² Zimmerchen hockst und Dosenravioli in dich hinein schaufelst, weil es Monatsende ist und BAföG erst wieder nächste Woche kommt.

Muss man da wirklich „Gefällt mir“ drücken? Oder kann ich, muss ich das sogar sein lassen? Ist es denn schlimm ab und an die Rolle des Miesepeters im Netz zu übernehmen? Einfach mal nicht gefällt mir zu drücken und damit zu demonstrieren, dass es einem a) nicht gefällt und b) auch nicht interessiert, wie das Essen aussieht, dass die Person am anderen Ende der Leitung gerade vor sich auf dem Teller hat? Ganz klare Antwort- JA! Warum eigentlich nicht? Man muss ja auch im alltäglichen Leben nicht die Leute mit Komplimenten und Zuspruch überschütten, deren Angesicht man doch lieber auf einen Punchball kleben würde. Aber mit rosa Sternchen natürlich, weil Mädchen doch immer süß und nett sein sollen. Diese geheuchelten Likes sind einfach nur Ego-Booster, die den Empfänger in Höhen fliegen lassen, die nicht mal mehr Red Bull für zulässig erklären würde. Sie lassen zudem das sowieso nicht mickrige Selbstbewusstsein der Preisgebenden in dem Maße wachsen, dass manch eine Glatze am Hinterkopf vor lauter Glück im Delirium schwelgen würde. Das muss aber nicht sein, denn genau diese Menschen, die alles und damit meine ich auch wirklich alles (!) mit dir im Netz teilen, sowieso schon ziemlich von sich überzeugt sind. Sie darin noch zu bestätigen wäre so, wie Dom Pérignon zu trinken, wenn man schon halb besoffski in der Ecke liegt. Pure Verschwendung eben.

Diese virtuelle Zärtlichkeit sollte nur, und auch wirklich nur dann ausgetauscht werden, wenn es sich um einen ehrlichen Zuspruch handelt und die Person sich nicht im näheren Umfeld befindet. Es mangels örtlicher Entfernung beispielsweise nicht anderweitig möglich ist als sich mit einem „Gefällt-Mir“ gegenseitig zu liebkosen. Viel schöner ist es aber nämlich gesprochene – und nicht nur geschriebene Worte auszutauschen. Einfach mal wieder ein Gespräch mit der Person anfangen, um herauszufinden, was sie gerade beschäftigt und was es gerade Neues bei ihr gibt, anstatt die in Langeweile durchgestalkte Timeline des anderen mit unnötigen Likes zuzumüllen.

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