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Rollstuhlbasketball als Inklusionsprojekt

Sie wollen die Inklusion fördern. Deswegen organisiert der Verein Mach Schule e.V. eine Rollstuhlbasketball AG. Ich habe mich ins Geschehen gestützt und den anspruchsvollen Sport mit den Jugendlichen kennengelernt.

Von Johannes Kolb

Schwung aufnehmen, den Basketball fangen, dann mit rechts dribbeln und gleichzeitig mit der anderen Hand den Rollstuhl unter Kontrolle halten. An sich schon nicht einfach – wenn dabei noch drei Spieler des Gegnerteams wild entschlossen auf einen zurasen, muss man schon eine echt coole Socke sein, um als Neuling im Rollstuhlbasketball jetzt nicht kurz Panik zu bekommen. So abgebrüht bin ich noch nicht, also schnell weg mit dem Ball zum Mitspieler Dionysos. Der ist zwar erst zehn Jahre alt, aber im Vergleich zu mir schon ein echter Profi im Rollstuhlbasketball.

Kein Wunder, Dionysos ist einer der neun Jungs zwischen 10 und 14 Jahren, die seit Beginn des Schuljahres in der Rollstuhlbasketball-AG von Mach Schule e.V. trainieren. Dieser Verein hat es sich im Juni diesen Jahres zum Ziel gesetzt, über die Grenzen von Schulformen hinaus AGs anzubieten und so die Inklusion voranzubringen. “Wir saßen schon in so vielen Gremien und Ausschüssen und hatten nie das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können”, so Sadi Kurt, Gründungsmitglied und Teil des siebenköpfigen Organisationsteams von Mach Schule e.V.. Über Inklusion wird viel diskutiert, aber so konkret umgesetzt wie in der Rollstuhlbasketball-AG in der Turnhalle Feuerhägle findet man sie selten. Neun Jungs aller Schulformen und Herkunftsländer üben hier jeden Freitag dribbeln, passen, Spieltaktik und Wurftechnik – selbstverständlich alles im Rollstuhl. Keiner von ihnen ist jedoch tatsächlich auf den Rolli angewiesen, alle Schüler in der AG können laufen. “Sie saßen zuvor noch nie im Rollstuhl und kannten diesen Sport gar nicht. Weil das was völlig Neues ist, wollen sie das natürlich kennenlernen und ausprobieren” sagt Trainer Tobias Schreiner. Der 20-Jährige ist Spieler der ersten Mannschaft beim Regionalligisten RSKV Tübingen, dessen zwei Teams gemischt-geschlechtlich sind und aus Rollstuhlfahrern sowie “Fußgängern” – Personen, die im Alltag nicht auf einen Rolli angewiesen sind – bestehen.

Der Verein sucht nach Sponsoren für neue Sport-Rollstühle

Zu Anfang des Projekts bestand die größte Herausforderung darin, Sportrollstühle in ausreichender Zahl zu organisieren. Die Anforderungen an das Material sind beim Rollstuhlbasketball hoch, die fahrbaren Untersätze müssen leicht laufen, wendig und gleichzeitig stabil genug sein um Zusammenstöße unbeschadet zu überstehen – ein adäquater Rolli kostet daher etwa 1400 Euro. Damit das Projekt von Mach Schule e.V. starten konnte, spendete der RSKV neun ihrer ausgemusterten Rollstühle, die kostenlos repariert wurden. Diese Sportgeräte sind allerdings sehr unterschiedlich: manche rollen perfekt, andere sind extrem schwergängig oder haben einen Drall – das führt im Training immer wieder aufs Neue zu einem Kampf um die besten Rollstühle. Wer etwas später kommt, muss auf einem schlechten Rolli Platz nehmen und das will keiner der ehrgeizigen Jungs. Daher ist im nächsten Schritt die Anschaffung von 10 höherwertigen und vor allem einheitlichen Sportrollstühlen geplant. “8200 haben wir bereits gesammelt, 6700 Euro fehlen uns momentan noch” sagt Sadi Kurt, da unterbricht ihn Anne Kreim, Stadträtin in Tübingen, und verspricht einen weiteren Rollstuhl für die AG zu spenden.

Nach dem öffentlichen Training müssen die Rollstühle noch in der Tiefgarage der Mathilde-Weber-Schule verstaut werden, selbstverständlich hilft dabei das ganze Team mit. Schließlich kann man dabei noch eine Runde mit dem Rolli fahren. Auf dem nassen Asphalt zeigen die Jungs mir, wie schnell sie mit den Rollstühlen sind und wie sie damit driften können. Trainer Tobias Schreiner lächelt darüber und sagt mir etwas erschöpft, aber zufrieden: “Auch wenn es manchmal anstrengend ist, diesen chaotischen Haufen zu trainieren, macht es mir immer Spaß.”

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