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Deutsches Fernsehen ist besser als sein Ruf

Ein Kommentar von Korbinian Riedhammer

Ein Gespenst geht um in Deutschland. In letzter Zeit wird oft über das schlechte, langweilige Deutsche Fernsehen gesprochen. Hauptsächlich im Gegensatz zum US-Fernsehen mit seinen tollen und innovativen Serien, wie „The Walking Dead“, „House of Cards“ oder „Homeland“. Serien, die der Autor ebenfalls sehr gut findet. Serien übrigens, die entweder nachgeahmt sind („House of Cards“ basiert auf einer BBC-Serie, „Homeland“ auf einer Israelischen) oder einem altbekannten Motiv folgen ([SPOILER] Zombies übernehmen die Erde bei „The Walking Dead“). Nichtsdestotrotz zu Recht hochgelobte Produktionen. Es wird aber langsam nervig, dass die Twen- und Hipster-Generation und die Intelligenzija gebetsmühlenartig über das deutsche TV herziehen und „Wetten Dass..?“ zum Inbegriff der unterirdischen Fernsehkultur hierzulande aufgewertet wird. Es wird suggeriert, wir lebten, was Qualität im Fernsehen angeht, in der Steinzeit. Das stimmt nicht.

Sendung "Hart aber Fair" auf Das Erste - Foto: Pläcking

Sendung “Hart aber Fair” auf Das Erste – Foto: Pläcking

Auch in Deutschland gibt es Qualität im TV

Ich will das Deutsche Fernsehen beleuchten, das, aus meiner Sicht, nicht alles perfekt macht, dennoch bei Weitem nicht so schlecht ist wie sein Ruf. Wenden wir uns erstmal dem Vergleichsobjekt „US-Fernsehen“ zu: Ich war 2012 sechs Monate als Auslandsstudent in den USA. Was dort im regulären TV kommt, und ich spreche nicht vom Pay-TV, ist oftmals Massenware und nicht innovativ: Talkshows, Gerichtsshows, Auto-Tuning-Shows, Koch-Shows, etc. Dazu alle fünf Minuten Werbung, die nicht auf Super-Bowl-Halbzeitpausen-Niveau liegt. Daher haben gefühlt 100% der Amerikaner einen Pay-TV-Vertrag, der gerne an die achtzig bis hundert Dollar pro Monat kosten kann. Auch deshalb ist Netflix in den USA so erfolgreich und wirbelt die Pay-TV-Branche auf. Wovon reden wir also, wenn wir das US-TV loben. Genau, von den „Premium-Serien“, wie ich sie nenne. Man könnte ebenso vom „Sahnehäubchen“ sprechen. Wenn man sich dann den deutschen TV-Markt anschaut und vor allem die extremen Unterschiede bei den Produktionskosten berücksichtigt (170 000 Euro pro „Der Tatortreiniger“-Folge gegenüber angeblich 100 Millionen Produktionskosten für die erste Staffel von „House-Of-Cards“), sieht die ganze Sache mit der Fernsehkultur in Deutschland meiner Meinung nach nicht so apokalyptisch aus, wie manch einer behauptet. Man darf dabei natürlich nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. „Bauer sucht Frau“ macht gegen „Homeland“ keinen Stich, das ist klar. Es gibt bzw. gab hierzulande in den letzten Jahren jedoch sehr gute Serien und TV-Filme, wie z.B. die mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Serie „Kriminaldauerdienst“. Einige Polizeirufe wurden hochgelobt, z.B. der vor Kurzem gesendete aus München von Dominik Graf, mit einer eigenwilligen Bildsprache. Überhaupt Dominik-Graf-Filme („Das unsichtbare Mädchen“). Nicht zu vergessen der letzte Ulrich-Tukur-Tatort, ebenfalls größtenteils gefeiert, gerade was die Stilistik angeht (die Laserpointer-Szene!).

Benötigt: Deutsche Serien von internationalem Format

Na dann ist ja alles super in TV-Deutschland? Nein, durch eine rosarote Brille darf man unsere Fernsehlandschaft natürlich nicht sehen. Ich habe bei den positiven Beispielen nur öffentlich-rechtliche Produktionen genannt, keine von den Privaten (sorry an alle Circus-HalliGalli-Fans). Man kann aber auch ARD/ZDF gewaltig kritisieren. Gerade der Einfluss der Politik in den Rundfunkräten und die lahmen Shows, die sich mit denjenigen der Privatsender darum streiten, wer das abgedroschenste Format ist, sind mir oft genug ein Graus. Und ja, „Wetten Dass..?“ hat sich überholt, das wussten wir schon bevor sich kanadische Schauspieler in Late-Night-Shows und US-Magazine darüber ausließen. Ein großes Problem an deutschen Serien ist, dass wir es hier zu selten hinbekommen, qualitativ hochwertige Produktionen sichtbar und beständig international zu vermarkten. Obwohl Serien ins Ausland verkauft werden, siehe wieder „Der Tatortreiniger“. Natürlich kann und muss das besser werden. Gründe sind unter anderen die starren Entscheidungsstrukturen in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, die dazu führen, dass Innovation – teilweise – unterdrückt wird, dass Qualitätsserien – teilweise – in der späten Nacht unangekündigt ausgestrahlt werden („Der Tatortreiniger“ eignet sich hier ebenso als Beispiel) und dass zu oft auf Altbewährtes (Stichwort „Volksmusik“) gesetzt wird. Für all diejenigen, die das Öffentlich-Rechtliche-System nun aber als per se überholt und angestaubt bezeichnen, sei nur die BBC als Gegenbeispiel genannt. Die schafft es mit weniger Geld als ARD/ZDF einen „Sherlock“ rauszuhauen. Ehrlicherweise gehört dazu gesagt, dass englischsprachige Serien den inhärenten Vorteil haben, in einer Weltsprache gedreht zu werden. Das ist kein Argument dafür, den Kopf in den Sand zu stecken, siehe die Skandinavier, es ist jedoch schlicht ein Vorteil in der globalen Vermarktung. Vorstöße für weitere deutsche Qualitätsserien auf internationalem Niveau zeigen dennoch, dass man sich hierzulande nicht entmutigen lässt. Mich freut das und mal sehen was daraus wird.

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Will Arnett bei Jimmy Kimmel Live über Wetten Dass…?

US-Nachrichten – Panikmache und Polarisierung

Ich habe jetzt vor allem über Serien und Fernsehfilme geredet. Was bei der ganzen „Deutsches-TV-Ist-Scheiße-Amerikanisches-TV-Ist-Super“-Diskussion gerne vergessen wird, sind die Nachrichtenformate. Es gibt derer hüben wie drüben sicher sehr gute Beispiele, nur eines muss man konstatieren: Die Hysterie, die US-Nachrichtensender (genannt sei „Fox News“, siehe YouTube) an den Tag legen, gerade jetzt bei der Ebola-Epidemie in Westafrika, wird in den deutschen Nachrichten nicht erreicht. Und der Polarisierungsgrad in den parteipolitischen Anschauungen von Nachrichtensendern in den USA (z.B. „Fox News“ vs. „MSNBC“), sucht man bei uns, glücklicherweise, vergeblich. Das liegt natürlich auch an dem politischen System in den USA, das nur zwei relevante Parteien kennt, es wird aber ausgenutzt um Quote zu generieren. Lobend hervorheben muss man weiterhin die investigativen Formate im Deutschen Fernsehen, wie „Panorama“ oder „Monitor“. Leider kommen diese Sendungen oftmals spät am Abend, was zu kritisieren ist. Zudem finde ich es richtig, dass politische Talkshows ohne Werbung ausgestrahlt werden, wie es im Öffentlich-Rechtlichen-Fernsehen geschieht. Nur so kann eine Diskussion kohärent geführt werden, eine Argumentation nachvollzogen werden. Wer das nicht glaubt: Schon mal „Absolute Mehrheit“ bei ProSieben geschaut?

Wichtig sind innovative Ideen

Mir geht es vor allem darum, dass nicht alles im Deutschen Fernsehen verdammenswert und im Gegenzug alles im US-Fernsehen toll ist. Dieser Kommentar soll auch kein Loblied auf das Öffentlich-Rechtliche-Fernsehen sein, ich übe ebenso Kritik, wie man oben lesen kann. Ich habe schlichtweg keine – für mich – passenden Beispiele für Qualitäts-Produktionen bei den Privaten gefunden und bin kein großer Fan von Werbeunterbrechungen, die es, ich weiß, bis 20:00 Uhr bei den Öffentlich-Rechtlichen gleichermaßen gibt. Okay, für diejenigen, die die Privaten mögen: „Circus Halligalli“ kann mit seinem anarchischen Pennäler-Humor schon lustig sein und Stefan Raab „war vor zehn bis fünfzehn Jahren auch mal gut“ (oh Gott, wie oft haben wir das schon gehört). Festzustellen bleibt: Es ist Luft nach oben, was internationale Sichtbarkeit von deutschen Produktionen, was künstlerische Freiheit in der Konzeption von Serien und was den Wagemut von Entscheidungsträgern bei den Sendern angeht. Es ist aber nicht entscheidend, ob wir ein deutsches Spin-Off von „House of Cards“ entwickeln. Wichtig bleiben wird, egal ob man klassisch auf dem Fernseher schaut oder nicht-linear im Internet: Es braucht innovative Ideen, gute Drehbücher und Schauspieler und etwas Geld. Ich denke, dass daran in Deutschland kein Mangel herrscht. Gespenstische Zustände sehen anders aus.


Frank Elstner bei “Die Unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von” im WDR über Deutsches Fernsehen

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  1. Hm. Dass eine “Spartensendung” auf Englisch durchaus ihre paar Millionen Zuschauer erreichen kann – was bei uns eher nur “Wetten, dass…?” schafft, gehört natürlich auch so erwähnt, wie dass Deutschsprachiges Fernsehen sehr wohl bei vielen Gelegenheiten sehr gut ist.

    Politische Satire im deutschen Fernsehen – z.B. “Die Anstalt” – kann durchaus mit beispielsweise der “Daily Show” konkurrieren. Fernsehfilme wie “Pixelschatten” vor einigen Jahren waren wirklich (wirklich wirklich) innovativ und werden nun auch auf dem US-Markt verkauft. Natürlich können wir nicht mit Serien wie “Bron” (in Deutschland “Die Brücke”) konkurrieren, aber das ist eben auch eine Gemeinschaftsproduktion zweiter skandinavischer, öffentlich-rechtlicher Sender. Und vieles, was für Arte produziert wurde (also letztendlich gemeinschaftlich) ist auch sehr sehr gut. Was Fernsehkritik angeht – journalistisch hochwertige und zugleich unterhaltsame – kenne ich keine internationale Alternative zu “Zapp” (vom NDR) oder dem relativ jungen “Walulis sieht fern” (ach, und “Kalkhofe”) (naja, außer vielleicht die ganzen Charlie-Brooker-Sachen (“How TV ruined your life”, “Black Mirror”)).

    Klein zu sein, wenig Geld zu haben, ein sehr begrenztes Publikum anzusprechen, all das kann auch ein Segen sein: Ich erinnere nur zu gerne an die beiden ORF-Produktionen der Neue Sentimentale Film während der Nullerjahre: “Kupetzky”, eine Serie über einen ‘Problemlöser’, größtenteils vor BlueScreen gedreht, war so innovativ und großartig, wie es nur möglich ist (Wiederholungen unbedingt anschauen!) und “Die Sendung ohne Namen” war absoluter Informationsoverkill mit Stimme aus dem Off, Videoschnippseln aus dem ORF-Archiv (was das ganze recht günstig machte) und Informations-Einblendungen, dazu oft Gäste und … na einfach eine sehr gute und sehr ungewöhnliche Sendung.

    Und ich könnte hier noch dutzende Beispiele nennen. Es gibt hier gutes Fernsehen.

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