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So oft besungen, aber nie eingeschlafen

Seit mittlerweile fast 124 Jahren sehe ich nun Schiffe kommen und wieder gehen. Oft waren es Menschen mit hoffnungsvollen Gesichtern, mit Tränen in den Augen und jubelnden Gesten blickten sie zu mir hoch. Gekommen waren sie von überall auf der Welt, um hier ihre alten Ketten zu zerbrechen und neu anzufangen…

Von Laurin Ivetić

Um 13.20 Uhr Ortszeit landet der Stahlvogel in dem ich seit knapp acht Stunden sitze auf einem Flughafen außerhalb der Stadt. Nach der Gepäckausgabe begebe ich mich Richtung Ausgang des Flughafens und den Bus-Terminals. Eine gelbe Flut von Taxis schwappt mit einem Brausen über die Straße, die zwischen mir und dem Bus lag. Mein Herz pocht als ich in den Bus steige. Müde vom Flug hänge ich in den unbequemen Sitzen – doch mein Herz pocht umso stärker, je näher der Bus dem Tunnel kommt, der unter den Fluss in die Stadt führt. Plötzlich Dunkelheit…

Seit mittlerweile fast 124 Jahren sehe ich, wie die Stadt wächst. Bereits groß, als ich sie zum ersten Mal erblickte, aber doch klein und überschaubar im Vergleich zu heute. Heute ist sie ein Dschungel mit in die Höhe schnellenden Bäumen aus Glas und Stahl. Ein Dschungel mit brausenden gelben Lianen. Ein Dschungel mit 8,3 Millionen Bewohnern…

Als ich aufwache, bin ich mitten im Dschungel. „Final Destination! Get out folks!“ klingt es krächzend durch den Bus. Zum ersten Mal setze ich nun Fuß in einem Dschungel, der beim Hochschauen eigentlich wie die riesigen Schluchten eines Canyons scheint. Sirenen heulen durch diese Schluchten. Sie sind wohl die Kojoten dieses Canyons. Flugzeuge kreisen darüber, als wären sie Kalifornische Kondore. Als mein Blick wieder auf den Boden fällt, finde ich mich  in der Hektik des Dschungels wieder. Wie soll ich mich denn hier zurecht finden? Aber komischerweise kommt mir alles so bekannt vor. „Where you headin‘, boy?“ war vom Busfahrer zu hören, der darauf freundlich den Weg erklärt. Mein Ziel war die U-Bahn-Station, also bahne ich mir meinen Weg durch das Dickicht. Auf dem Weg dorthin viel mir die vielfältige Fauna auf. Der Dschungel ist ein wahrer Schmelztiegel. Die Menschen dort scheinen von überall herzukommen.

In der U-Bahn-Station ist es genauso hektisch wie an der frischen Luft: Ein stickiges, unterirdisches Labyrinth befahren von zischenden Zügen, farbenfroh beziffert und beschriftet. Die blaue ACE-Linie. Die rote 123-Linie. Die graue L. Lila 7. Zudem noch hell- und dunkelgrün, orange, gelb und braun. Der Dschungel wird unter der Erde noch bunter. Wie soll ich mich denn HIER zurecht finden? Aber komischerweise fühle ich mich auch hier nicht wirklich fremd. Entgegen dem Stereotyp sind die Einheimischen gar keine unfreundlichen, ungehobelten, unruhigen Wesen. Klar, sie halten viel von sich, da sie hier im Dschungel leben – aber hilfreich sind sie. Denn wieder scheint jemand den Nebel vor meinen Augen bemerkt zu haben und kann dabei helfen ihn zu lichten. Unter der Erde, als auch an darüber erklären die Einheimischen gerne den Weg und zeigen darüber hinaus Interesse an Neuankömmlingen – wo komme ich her, was zieht mich in den Dschungel, will ich hier einmal leben? So eine Herzlichkeit habe ich nun ehrlich nicht erwartet. Auch als ich zum ersten Mal in meiner neuen Bleibe ankomme, ist sie auch schon da, die Herzlichkeit. Meine zukünftigen Mitbewohner erwarten mich nämlich schon bereits: „Welcome to…“

Seit mittlerweile fast 124 Jahren höre ich, wie Menschen die Stadt besingen. „If you can make it here, you can make it anywhere!“ Oden und Lobgesänge an die Stadt habe ich zuhauf gehört. „Concrete jungle where dreams are made of, there’s nothing you can’t do…There’s nothing you can’t do, big lights will inspire you…“. Seit mittlerweile fast 124 Jahren höre ich, wie Menschen die Stadt besingen – eingeschlafen ist sie nie.

Kreativ sind meine neuen Mitbewohner. N., Schauspielerin am Broadway, und A., Fotograf. Auch von ihnen wieder die Fragen: Wo komme ich her, was zieht mich in den Dschungel, will ich hier einmal leben? „We can show you the loft, and then you can get some sleep. How ‘bout that?” schlägt Anthony vor. Wieso nicht? An der Wand hängen hauptsächlich selbstgeschossene oder selbstgemalte Bilder. Hier könnte ich zurechtkommen. Nach der kleinen Wohnungstour lege ich mich hin, aber mein Herzpochen hält mich vom Schlafen ab. Mir fällt auch auf, dass ich doch nicht müde bin. Es scheint, als ob die Hektik nach mir rufen würde. Und letztendlich kann ich nicht widerstehen – ich breche in der bereits angebrochenen Abendröte noch einmal auf.

Hellgrün, Blau – die Züge, die mich zurück in die Hektik bringen. Ich weiß genau, wo ich hinwill. Nach 14 Haltestellen und einmal umsteigen, muss ich nur noch „one block east“ laufen. Dann ist es da, das Herz des Dschungels. Flimmernde Bildschirme, funkelnde Lichter, Sirenen, Hupen, Gesang, lautes Brodeln von tausenden von Stimmen, der Duft von Hot Dogs und Brezeln mit viel zu viel Lauge. Wieder dieses komische Gefühl: Ich fühle mich wohl, beinahe zuhause an diesem Ort, den ich zum ersten Mal „in echt“ sehe. Habe ich dies alles schon irgendwo gesehen? Natürlich! In Filmen, auf Werbeplakaten, in Songs, Postkarten, Zeitschriften habe ich diesen Dschungel schon so oft gesehen. Doch auch wenn ich mich nicht fremd fühle, fühle ich mich dennoch unsichtbar. Zuhause in Tübingen fühlt man sich so beobachtet, man tritt kaum auf die Straße vors Haus und trifft schon auf Freund und Feind. Hier läuft man durch die Straßen und sieht nur unbekannte Gesichter, alles ist neu. Man kann sich vollkommen auf sich selbst konzentrieren. Ein Neustart.

In den nächsten Tagen und Wochen lässt mich dieses Gefühl nicht los. Es gibt so viel zu entdecken hier. So viele Menschen unterschiedlicher Herkunft an einem Ort – ein „culture clash“ sozusagen – lässt die Kreativität des Dschungels pulsieren. An welchem anderen Ort der Welt kann man innerhalb einer Minute von Italien nach China reisen? An welchem anderen Ort der Welt kann man so schnell von einem Dschungel aus Glas und Stahl in eine riesige Oase entfliehen? So langsam wird mir klar, wieso sich so viele von dieser Stadt einlullen lassen. Wieso aspirierende Schauspieler, Musiker, Regisseure, Schreiberlinge und viele andere Künstler aus der ganzen Welt hierher kamen. Sie wollten sich von diesem culture clash inspirieren lassen. „It‘s the place to be“ – oder wie Woody Allen sagen würde: „Für mich ist New York immer der Ort der Verzauberung, der Erregung und Lebensfreude.“ Sie alle versuchen ihr Glück hier, denn wer es hier schafft, kann es überall schaffen. So langsam wird mir auch bewusst, dass ich auch genau aus diesem Grund hierher kam: Ich suchte Inspiration. Und hier ist dessen Quelle. Dieser Beton-Dschungel aus dem Träume gemacht sind, die Lichter, die inspirieren.

Seit mittlerweile fast 124 Jahren stehe ich auf dieser Insel und bin das Symbol für alle Neuankömmlinge. Denn ich bin Lady Liberty. Und das ist meine Stadt. Die Stadt der Städte. New York City.

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