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Bild: Marcello Casal Jr/ Agência Brasil

Bild: Marcello Casal Jr/ Agência Brasil

Nun ist die Show vorbei: Die Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien ist jetzt Geschichte. Die Finale ist über eine Woche her und ich erlaube mir hiermit als Brasilianer in Tübingen eine kleine, sehr persönliche Bilanz zu ziehen.

Chaos? Welches Chaos?

Mit einer gewissen Erleichterung kann ich sagen, dass alles anscheinend gut funktioniert hat und dass das angesagte Chaos nicht stattgefunden hat: kein Zusammenbruch bei den Flughäfen oder Hotels, kein Tourist wurde erschossen oder ermordet (so weit ich weiß) und es gab keine Massendemos, wobei man sich da streiten kann, ob das positiv ist. Der Grund, warum es keine Riesenproteste gab, war meiner Meinung nach nicht, dass der Ärger oder die Gründe dafür plötzlich verschwunden sind, sondern dass die Sicherheitskräfte das Leben der Demonstranten so schwierig gemacht haben. Mit Blockaden, Straßensperrungen und sogar sogenannten “präventiven” Verhaftungen, die die Demos geschwächt haben. Die gab es schon, man hat aber kaum was davon mitgekriegt. Und man darf auch nicht die ablenkende Macht des Fußballs unterschätzen.

Natürlich ist es zu bedauern, dass es die teuerste WM aller Zeiten war, dass Städte wie Cuiabá und Manaus, die keine 1. Liga-Mannschaften haben, moderne und teuere Stadien bekamen, und dass es Zwangsräumungen in sämtlichen Städten gab. Andererseits freue ich mich über die positive Werbung, die das Land bekam und hoffe, dass irgendwas davon bleibt, dass mehr Touristen kommen, dass man Brasilien nicht mehr nur mit Dschungel und Armut verbindet, und so weiter und so fort.

Ja, doch Chaos

Das echte brasilianische Chaos gab es nur auf dem Feld, Live vor den Augen der ganzen Welt: Den Mineirazo (vielleicht wäre Mineiraßo angemessener). Nach der bizarren 7-1 Niederlage kamen die einzigen Momente, in denen ich froh war, nicht in Brasilien zu sein. Wobei mitten in einer Menge von Gegner-Fans zu sein nicht so viel besser war. Meine Gedanken kurz vor, während und gleich nach dem Spiel wurden sogar auf einem SWR4 Radiobeitrag für die Ewigkeit dokumentiert:

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Das Netz lacht: „Achtung, Brasilianer: Schaut alle hierher“

Wie ich am Ende des Beitrags sagte, über die eigene Probleme zu lachen ist eine brasilianische Spezialität, oder zumindest steht es so im Klischeebuch, und ich glaube daran. Hauptsache ein Lächeln steht im Gesicht. Ich habe mich da bemüht, und tatsächlich geschafft, mich über viele Internet-Witze über das Spiel zu amüsieren. Es gab natürlich eine Menge davon und ich habe zusammen mit anderen Landsleuten gelacht, da uns sowieso nichts anderes mehr übrig blieb.

Aber tief innen hat mich irgendwas gestört und ich selber wusste nicht genau was es war. Langsam fing ich an, dieses Gefühl zu verstehen. Ich bin kein riesiger Fan der “Seleção”. Aber meine Freunde und Verwandte zuhause vielleicht schon, und es tat mir Leid für sie. Außerdem hinterließ für uns dieses Spiel einen Fleck bei dieser WM, bei der sonst alles so gut gelaufen ist. Es wird für viele immer die “Aber”-WM sein: die, die ein Riesenerfolg war, die die Welt bezaubert hat, ABER gleichzeitig die, in der Brasilien seine schlimmste Niederlage aller Zeiten erlebt hat. Die Erinnerungen sind schwer zu trennen.

Verlieren gehört dazu, aber so zu verlieren ist schon eine ganz andere Kategorie. Ich glaube, man hat gelernt, dass wir nicht als Selbstverständlichkeit nehmen können, dass wir gut sind, dass Brasilien automatisch gewinnen oder zumindest mit Würde verlieren wird. Es war auch traurig zu sehen, was aus Trainer Felipão und technischem Direktor der Selecão Carlos Alberto Parreira, zwei ehemalige Weltmeister, geworden ist: arrogante und sture alte Männer. Ob man ihn mag oder nicht, ist Fußball auch brasilianisches Kulturerbe und ihn so geschädigt zu sehen ist schon traurig.

Bildquelle: www.facebook.com/desimpedidos

Bildquelle: www.facebook.com/desimpedidos

Aber nicht alles muss schlimm sein. Meinerseits kann ich froh sein, dass alle deutsche Fans, die ich hier nach der Niederlage getroffen haben, extrem höflich waren. Ich zumindest hatte nicht das Gefühl, verarscht zu werden. Das gleiche kann man über die deutsche Spieler sagen (abgesehen von dem aufgeblasenen Gaucho-Gate „Skandal“), die sich ständig gemüht haben, mit der lokalen Bevölkerung und Kultur zu interagieren. Hoffentlich beendet einer von denen seine Karriere in Brasilien (in dem Fall wäre Podolski ein Kandidat). Und zumindest können wir sagen, wir haben gegen die Besten verloren.

Tja, ich habe die WM auf meinem eigenen Land verpasst. Dabei habe ich sie im Weltmeisterland erleben können. Schön war es.

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  1. Hat dies auf Diário de Tübingen rebloggt und kommentierte:
    Confiram abaixo meu mais novo texto para o blog neckarSTUDENT. Em breve postarei a tradução em português aqui no Diário de Tübingen, mas por enquanto, exercitem o alemão e tentem ler o texto. Trata-se dos meus pensamentos, como brasileiro morando em Tübingen, acerca da Copa do Mundo. Leiam!

  2. Pingback : Best-Of: Brasilien-Produkte | neckarSTUDENT

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