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Autor, Aktivist und ehemaliges Gangmitglied – Luis Rodriguez erzählt aus seinem Leben

Bandenkriege, Ausgrenzung und Rassismus. Das hat Luis Rodriguez erfahren und darüber geschrieben. Beim Tübinger American Studies Day hat er am Samstag im Brechtbau davon erzählt.

Von Daniel Schottmüller

“Ist der verrückt? Warum erzählt er uns das?” Meine Sitznachbarin ist sichtlich irritiert. Leises Geraschel und Geraune auch hinter uns. Die Besucher des Tübinger American Studies Day reagieren einigermaßen perplex auf das, was der 60-Jährige mit dem sorgsam nach hinten gekämmten, weißen Haar gerade in beinahe beiläufigem Tonfall erzählt. Und doch – alle Augen im Hörsaal hängen an seinen Lippen.

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Höhepunkt des Tübinger American Studies Day – Luis Rodriguez spricht im Brechtbau. Bild: Alexander Gonschior, agowebworks

Luis Rodriguez blickt seine Zuhörer offen an, wenn er von Ramiro spricht. Ramiro, dem er damals wegen seiner Alkoholprobleme kein echter Vater sein konnte. Rodriguez erinnert sich daran, wie er seinen ältesten Sohn mehr und mehr sich selbst überließ. Wie dieser in die Kriminalität abdriftete und sich erst nach Jahren im Gefängnis allmählich mit dem Vater versöhnte. Wie er dann nach 15 Jahren Haft in die Freiheit entlassen wurde und sich zum ersten Mal in seinem Leben verliebte. Wie Ramiro von seiner Freundin verlassen wurde. Und wie er sich daraufhin eine Waffe besorgte. Rodriguez Stimme bleibt ruhig. Nur knapp konnte der Amoklauf seines Sohns damals verhindert werden. Das war vor vier Jahren. Vieles hat sich seither verändert. Rodriguez endet mit einem sanften Lächeln: „Heute geht es Ramiro sehr gut.“ Allmählich beginnen die Zuhörer zu erahnen, was damit gemeint war, als Rodriguez zu Beginn der Lesung von der schonungslosen Ehrlichkeit sprach, mit der er als ehemaliger Junkie und Alkoholiker jedem neuen Tag begegnen müsse.

Genau so offen, wie von seinen Verfehlungen als Vater, erzählt der Autor und Aktivist auch von seiner eigenen Jugend. Aufgewachsen in einem der ärmsten „Barrios“ (Latino-Ghettos in amerikanischen Großstädten) von Los Angeles, wurde dem Kind mexikanischer Einwanderer die spanische Muttersprache in der Grundschule gezielt abtrainiert. Doch statt einer Einführung in Englisch gab man dem Jungen ein Haufen alter Bauklötze und verfrachtete ihn in die letzte Reihe. Seinen Bruder steckte man gar in eine Klasse mit geistig behinderten Kindern. Trotz allem verstand der junge Luis bald bereits genug um zu begreifen, was die weiße Amerikanerin ihm und seiner Mutter damals bei einem Parkspaziergang entgegenschleuderte: „Ihr seid hier nicht willkommen!“ Um der Gleichgültigkeit seiner Lehrer und den Schikanen frustrierter Gleichaltriger zu begegnen, schloss sich Rodriguez mit elf Jahren einer Straßengang an. Prügeleien, Überfälle, Schießereien mit rivalisierenden Gangs und der berüchtigten LAPD, Alkohol- und Drogenexzesse – „La Vida Loca“ wurde zum Fixpunkt, wo vorher Orientierungslosigkeit und Angst dominiert hatten. Allmählich begriff Rodriguez aber, dass auch die Gang ihm keine wirkliche Macht über sein eigenes Schicksal geben konnte. Von den Eltern aus dem Haus verbannt, fand er zu dieser Zeit Unterschlupf in der Garage der Familie. Er entdeckte eine alte Schreibmaschine, die einst seinem Vater gehört hatte und in einer Mischung aus Spanisch und Englisch brachte der Teenager zu Papier, was ihn traurig und wütend machte. Die Albträume, die ihm ihm auf den Straßen des Molochs Los Angeles tagtäglich begegneten. All seine ganz persönlichen Ängste, Wünsche und Verlangen. „Ich wusste damals noch gar nicht was ein Gedicht überhaupt ist“, erinnert er sich. Trotzdem fand Luis Rodriguez im schummrigen Licht der Garage, irgendwo zwischen den Zeilen, wonach er ohne es zu wissen, lange bereits gesucht hatte – seine eigene Stimme. Der junge Mann entschloss sich die Gang zu verlassen, auch wenn diese Entscheidung mit Gefahren verbunden war. Von da an engagierte er sich gemeinsam mit anderen jungen Aktivisten für mehr soziale Gerechtigkeit in den Barrios von Los Angeles. Er baute seinen Schulabschluss und erhielt sogar ein Stipendium für ein Journalismus-Studium.

40 Jahre später ist Rodriguez ein gefragter Dichter und Schriftsteller. Seine Autobiographie Always Running wurde zum Bestseller – und, worauf er besonders stolz ist: „das meist gestohlene Buch in kalifornischen Schulbibliotheken.“ Wenn man dem leicht übergewichtigen Mann mit dem vergnügten Lächeln zuhört, fällt es schwer zu glauben, dass er früher Zeuge von Mord und Vergewaltigung war und selbst nach seiner Zeit als „Gangbanger“ jahrzehntelang mit Alkohol- und Heroinsucht zu kämpfen hatte. Vielleicht ist aber genau das die wichtigste Botschaft die Rodriguez an diesem Wochenende aus Süd-Kalifornien mit nach Tübingen gebracht hat: Es gibt niemanden, der nicht eine zweite Chance verdient hätte! In seinem frei improvisierten Vortrag wird er nicht müde zu betonen, dass es letztlich die Lebensumstände sind, die Menschen dazu bringen sich mit unrechtmäßigen Mitteln zur Wehr zu setzen. Aufgrund seiner langjährigen Aktivistenarbeit in amerikanischen Ghettos, Indianerreservaten und Gefängnissen hat er genug Beispiele parat, um glaubhaft zu vermitteln, wie nötig es ist vernachlässigten Menschen Perspektiven zu ermöglichen. Deswegen kämpft Rodriguez bereits seit Jahren für eine Reform des kalifornischen Gefängnissystems. Als Kandidat der Grünen-Partei hat er sich im vergangenen Jahr sogar für den Posten des kalifornischen Gouverneurs aufstellen lassen. Finanziell hatte er seinen Konkurrenten wenig entgegen zu setzen, seine Botschaft sozialer Gerechtigkeit und gezielter Armutsbekämpfung konnte er aber gerade deshalb glaubhaft vermitteln.

Gewonnen hat er nicht. Aber das ist für Rodriguez bereits Vergangenheit. Und er mag sich noch so schonungslos mit seinen eigenen Fehlern auseinander setzen, wer ihn heute in Tübingen erlebt hat, der spürt, dass der Glaube an eine bessere Zukunft immer die größte Antriebskraft im Leben des Luis Rodriguez bleiben wird.

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