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Es wird (k)eine WM geben

 

Demonstration gegen die WM in Brasília während der Confed Cup 2013. Bildquelle: Marcello Casal Jr./15.06.2013/ABr

Demonstration gegen die WM in Brasília während der Confed Cup 2013. Bildquelle: Marcello Casal Jr./15.06.2013/ABr

Nun ist es soweit: Nach 64 Jahren kehrt die WM wieder ins Fußball-Land Brasilien zurück, was zufälligerweise mein Heimatland ist. Und ausgerechnet jetzt bin ich in Deutschland, weit, weit weg von Zuhause. Das nenne ich schlechtes Timing. Ich werde alles verpassen: die Stimmung, die Fans aus der ganzen Welt und die Feiertage, da in den Tagen, in denen Brasilien spielt, fast alles ausfällt. Die Studenten haben keine Uni, Schüler müssen nicht zur Schule, Arbeiter des öffentlichen Dienstes haben den Tag frei. Fast eine religiöse Sache.

von Ian Linck

Und ich bin nicht da. Weh mir! Aber hey, so schlimm ist es auch nicht. Zum einen bin ich nicht allein: Es gibt Dutzende, vielleicht sogar Hunderte von Brasilianern, die auch im, sagen wir mal, “Exil” hier in Tübingen sind. Wenn es denen nichts ausmacht, sollte es mir auch nichts ausmachen. So sind wir Menschen: Wenn wir was nicht haben können, tröstet es uns, dass andere in der gleichen Situation sind, und so können wir zusammen leiden. Okay, “leiden” klingt ein bisschen zu dramatisch, aber ihr versteht was ich meine. Außerdem bin ich in Tübingen, nicht in irgendeiner Stadt. Wir reden von einer Universitätsstadt mit Studenten aus der ganzen Welt, und ich freue mich schon auf die Stimmung bei den Public-Viewings 

Als Brasilianer werde ich oft mit der Frage konfrontiert, was ich über diese ganzen Proteste gegen die WM denke. Lohnt es sich überhaupt, für ein “Entwicklungsland” wie Brasilien, Gastgeber von so einem riesen Event zu sein und so viel Geld dafür auszugeben? Wird sich dieses Investment lohnen? Bin ich für oder gegen die WM, mit den ganzen Demos?

Na ja, wie kann ich das erklären? Ich bin für die Demos und gleichzeitig für die WM. Lässt das sich überhaupt vereinbaren? Ich versuche es. Einerseits finde ich, es ist sowieso zu spät, um alles zu stoppen. Der Hauptslogan der Protesten lautet “Não vai ter copa”, (“Es wird keine WM geben”). Es tut mir leid, aber vai ter copa sim, die WM wird es wohl geben, es wird spannend und nur weil man sich auf die Spiele freut, heißt noch lange nicht, dass man die Probleme ignoriert. Meine persönliche, ganz unwissenschaftliche Meinung ist, dass es vielleicht nicht der richtige Zeitpunkt gewesen ist. Wer weiß, vielleicht in 10 oder 15 Jahre wäre Brasiliens Infrastruktur schon so weit, dass nicht so viele Investitionen nötig wären, dass nicht so viele arme Familien von ihrem Wohnvierteln zwangsgeräumt werden müssten, dass die Stadien nicht in so einer Eile gebaut werden mussten. (Außerdem wäre ich dann vielleicht wieder in Brasilien!).

Polizeieinsatz in Rio de Janeiro. Bildquelle:  Pedro Kirilos / Agência O Globo

Polizeieinsatz in Rio de Janeiro. Bildquelle: Pedro Kirilos / Agência O Globo

Andererseits haben die Menschen sehr wohl das Recht, auf die Straße zu gehen, vor allem wenn man sieht wie viel Geld für ein Event ausgegeben wurde, die nur ein Monat dauert: 25,8 Milliarden Reais (fast 9 Milliarden Euro), ungefähr das, was pro Monat für Bildung ausgegeben wird. Das mag ja nicht so beeindruckend klingen: Brasilien hat schon die Mittel dafür, und außerdem, von dieser ganzen Summe sind 8,1 Milliarden in öffentlichen Verkehr und 6,3 Milliarden in Flughäfen gesteckt worden, Investitionen die auch dringend nötig sind. Trotzdem merkt man auch keine Verbesserung in der Qualität des Transportes und die Zwangsräumungen von ganzen ärmeren Vierteln, die im Namen der “Revitalisierung” der Städten stattgefunden haben, sind empörend. Ganz zu schweigen von der Polizeigewalt gegen die Demonstranten, die über das Fernsehen der ganzen Welt gezeigt wurden. Wenn man zudem erfährt, dass die Profite der Fifa und ihrer Sponsoren auf mehr als 3 Milliarden Euro geschätzt werden (steuerfrei!), darf man wohl verärgert sein.

Die WM wurde an uns als eine einmalige Gelegenheit verkauft, einen Sprung in die Zukunft zu machen und ein positives Erbe für die Bevölkerung hinterzulassen: effizientere öffentliche Verkehrsmittel, bessere Flughäfen und moderne Stadien. Abgesehen von den Arenas, manche von denen, wie in Manaos, komplett überflüssig, wird es wahrscheinlich nicht so der Fall sein.

Aber auf ein paar Dinge darf ich noch hoffen. Dass diese ganzen Ereignisse zu einer neuen Protestkultur in Brasilien führen werden. Und dass ähnliche Proteste in anderen Ländern stattfinden, sollte die einheimische Bevölkerung sich auch von der Fifa verarscht fühlen. Leider finden die 2018 und 2022 WM-Ausgaben in Russland und Katar (wenn es überhaupt dort stattfindet) statt, Länder, die nicht unbedingt für Demokratie bekannt sind, was sicher kein Zufall ist. Der Fall Brasilien wird hoffentlich zeigen, dass solche Megaevents vielleicht ein bisschen zu groß geworden sind und dass die Fifa sich vielleicht überlegen sollte, die nächsten WM-Ausgaben anders zu gestalten, mit mehr Dialog mit den lokalen Regierungen und weniger Arroganz und absurden Forderungen: in Brasilien hat die Fifa zum Beispiel verlangt, dass alkoholische Getränke in den Stadien verkauft werden dürfen, was gegen das geltende Gesetz stößt. Und alles nur weil eine US-amerikanische Brauerei einer der Hauptsponsoren der WM ist. Ich frage mich, ob es in der Zukunft schwieriger wird, Gastgeber für Events wie die WM oder die Olympische Spiele zu finden. In letzter Zeit zeigen die Bürger und die Abgeordnete von Städten wie Oslo, München, New York und Philadelphia dass es eine zunehmende Tendenz gibt, solche Events abzulehnen und als Geldverschwendung zu betrachten.

Mein Fazit: Jetzt, da wir schon soweit sind, lass uns diese WM machen. Die Fans werden Spaß haben, die Spiele werden spannend, es wird sicher aufregend und ich freue mich auch darauf. Aber bitte, lass uns nie wieder Gastgeber einer Megasportevent sein. Oh, wait

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