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Vorfreude auf die Fußball WM 2014 in Brasilien

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Bildquelle: spox.com

Lange sieht man dem bunten Treiben mit gemischten Gefühlen zu. Teilweise mit Vorfreude, teilweise mit Wut und Unverständnis. Es ist allgemein bewusst, dass mit der Kritik an Fußballmeisterschaften ein empfindliches Terrain bei den Deutschen angegriffen wird. Dort wo der Nationalstolz aufgrund historischer Ereignisse fehlt, wird er in kommerziellen Veranstaltungen kompensiert. Koste es was es wolle.

Ein Kommentar von Julia Xenia

Während in Deutschland die schwarz-rot-goldenen Flaggen über die Jahre im hintersten Eck auf dem Dachboden verstauben und darauf warten beim nächsten Sport-Hype heuchlerisch herausgeholt zu werden, wehen in vielen anderen Ländern stolze Fahnen an Hausmästen und verblassen in der Sonne.

Menschen werden durch den Sport ausgebeutet

Dass große Sportevents vorzugsweise in ärmeren Ländern ausgetragen werden, erweckt schon lange Proteste und Kritik über die Verhältnisse, die beim Bau und den Organisationen herrschen. Die Nachrichten im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen berichten nur wenig von den Bedingungen, denen die Arbeiter auf den Baustellen der Stadien ausgesetzt sind. Viele müssen von weither anreisen und können sich in der Nähe ihres neuen Arbeitsplatzes keine Wohnung leisten und leben somit auf dem Bau. Vor allem deswegen, da sie so viele Stunden arbeiten müssen, dass es sich gar nicht lohnen würde nach Hause zu fahren. Der Verdienst ist lächerlich und die Gefahren, denen sie aufgrund der mangelnden Sicherheitsleistungen ausgesetzt sind, unzumutbar. Unausgeruht und schlecht ernährt balancieren Arbeiter in schwindelerregender Höhe schwere Utensilien und gefährden dabei Tag für Tag ihr Leben, um ihren Familien ein Einkommen ermöglichen zu können, für das sich manch ein Europäer nicht mal bücken würde. Was unsereiner hier einzig und allein interessiert ist, ob die Stadien rechtzeitig fertiggestellt sind und nicht, unter welchen menschenunwürdigen Umständen sie hergestellt werden.

Gerne werden die Bedingungen beim Bau der Stadien ignoriert. Zu wenig wird davon in den Nachrichten preisgegeben. Schließlich möchte sich niemand die große bunte Party zu Gunsten des Nationalsports durch das menschenverachtende Elend in fernen Ländern, die aufgrund dieses Events herrschen, vermiesen lassen. Doch wer begründete denn die Vorstellung des deutschen Nationalsports? Wie traurig ist diese sportliche Homogenität, wo doch jeder so radikal auf seine Individualität plädiert? Dieses Land hat mehr zu bieten als eine von Firmeninteressen bestimmte Berichterstattung des von Männern ausgetragenen Fußballsports. Man glänzt mit hervorragenden Mannschaften im Handball, Eishockey und Basketball. Auch im Turnen und in der Leichtathletik sind deutsche Sportler nicht zu verachten.

Wichtige Nachrichten werden dem Sport geopfert

Ein weiteres Phänomen lässt sich auch gut in der Selektion der Nachrichten beobachten. Wichtige Meldungen, wie spurlos verschwundene Flugzeuge, auf Grund gegangene Schiffe und die eiskalte Angst von 200 verschwundenen Mädchen und ihren Angehörigen müssen für die Siege und Verluste von Fußballmannschaften brav und schüchtern den Platz abtreten, damit sich eine Nation die süchtig nach dem glamourösen Schein der Fußballwelt ist, an Meldungen über ihre Mannschaften ergötzen kann. Über Sport zu berichten ist an sich keine schlechte Sache, nur fragt man sich wo die Meldungen über Standarttanzmeisterschaften, Curlingteams und Karatewettkämpfe abgeblieben sind.

Regt sich die Nation noch über zu hohe Gehälter von Politikern und Managern auf, kaufen sie sich freudig und mit einem aufregenden Kribbeln im Bauch überteuerte Tickets für Fußballspiele und nehmen es gerne in Kauf dafür um die halbe Welt zu reisen. Doch dass Fußballspieler ein höheres Einkommen haben als die allgemein vor Neid gehassten Topmanager oder dass einige Steuerskandale in dieser Branche bereits aufgedeckt worden sind, wird gerne unter den Teppich gekehrt oder- was noch schlimmer ist- es wird ihnen gegönnt. Sie haben es ja schließlich in ihrem Sport zu etwas gebracht. Zu etwas gebracht haben es allerdings auch die Frauen in derselben Sportart. Nur dass viele neben ihrem „Hobby“ tatsächlich einen Schulabschluss haben und ernsthafte Berufe ausüben, will keiner hören.

Hier zeigt sich wie sehr Frauen schon gleichberechtigt sind

Obwohl die feministischen Stimmen bei nicht weniger kommerziellen Events wie beispielsweise die vor “Niveau und Beispielhaftigkeit” strotzende Sendung Germany‘s Next Topmodel so laut sind und obwohl heftig für die Emanzipation der Frau in allen Bereichen gekämpft wird, ist frau bei derart trivialen Branchen wie die des Sports noch weit davon entfernt tatsächlich von einer Gleichberechtigung sprechen zu können. Wir können “mächtig stolz” auf uns sein, Mädels!

Genauso stolz wie auf unser deutsches Schulsystem, welches akribisch versucht so wenig Fehlstunden wie nötig hervorzubringen und versäumte Unterrichtsstunden peinlichst genau vertreten oder nachholen lässt. Da kann teilweise tatsächlich nur der Kopf geschüttelt werden, wenn man nun in den Nachrichten vernehmen muss, dass im Zeitalter der Technologie und des Internets, in den Schulen der Unterricht, zu Gunsten der Fußball WM in Brasilien der Zeitverschiebung wegen verschoben wird. Ja, beim Sport wächst die Gemeinschaft. Daran ist nichts auszusetzten. Doch auch bei Partys kann man ebenso Freundschaften vertiefen und Kontakte knüpfen. Lass uns doch mal die Universitätsvorsitzenden, Schuldirektoren und Chefs um Verständnis bitten, ein, zwei oder drei Stunden später erscheinen zu dürfen, da wir am Vorabend auf einer feucht-fröhlichen Party gewesen sind und eifrig Bekanntschaften gepflegt haben. Ich denke es ist unnötig zu erwähnen, dass diese Frage ein einmaliges Erlebnis sein wird.

Grund zum Saufen und sich daneben benehmen

Nachdem man sich mit dem grausigen Elend der Bauarbeiter und der Ausbeutung der brasilianischen Bevölkerung, den riesengroßen Verdiensten ausländischer Baufirmen, die sich an ihrem neuerworbenen Prestige aufgeilen, dem heuchlerischen Nationalstolz, der Entindividualisierung des Sports, der Unterdrückung der Frau, dem Nichtbeachten anderer Sportarten, der Ignoranz von wichtigeren Nachrichten und dem absurden Verdienst der Sportler abgefunden hat, kann man sich auf die laute und alkoholreiche Partys auf den öffentlichen Plätzen zum Public viewing freuen. Schließlich kann man mit einer von allen Seiten mit Verständnis entgegenkommende Legitimation zum Betrinken, Rumgrölen und primitiven Verhalten selbstverständlich rechnen. So werden Modefans, die sich sonst nie für Fußball interessieren und mal von einem Phänomen welches sich Abseits nennt, gehört haben, integriert, damit sie mit einem absoluten Unverständnis auf Menschen, die dieses Jahr den Hype des Fußballs aus guten Gründen boykottieren, reagieren dürfen.

Und so lautet vielleicht mal in diesem Sommer 2014 nicht die allgemein bekannte Frage:
„Hä? Warum schaust du kein Fußball?“, sondern „Hä? Warum bist du Teil einer kommerziellen, heuchlerischen Gesellschaft?“. Hier soll niemand angegriffen werden, der den Fußball aus sportlichen Gründen verfolgt, doch es soll ein Denkanstoß an die breite Masse der Fans sein.

Disclaimer: Dieser Beitrag spiegelt die Meinung der Autorin und nicht unbedingt die der gesamten Redaktion wieder.

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