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Warum eine Uhr im Tübinger Hauptbahnhof Schlagzeilen in Brasilien machte und das wieder hier ein Thema war

Wir leben in einer vernetzten Welt, das wissen wir alle. Trotzdem werden wir ab und zu von unerwarteten Zufällen und skurrilen Zusammenhängen überrascht, die durch das Internet verursacht werden. Die Geschichte mit der Uhr im Tübinger Hauptbahnhof ist ein Beispiel davon.

Von Ian Linck

Das Ganze begann am 3. Februar, als ich über einen Freund aus Brasilien erfuhr, dass zwei Tage zuvor der brasilianische Journalist Fernando Albrecht in seiner Kolumne “Começo de Conversa” in der brasilianischen Zeitung “Jornal do Comércio” (“Handelszeitung”) aus Porto Alegre das Foto einer Uhr in der Halle des Tübinger Hauptbahnhofs veröffentlicht hatte. (Die Zeiger des Zifferblatts wurden schon im Dezember 2013 entfernt.) Dazu schrieb er:

Die Tübinger Bahnhofsuhr. Quelle: "Jornal do Comércio", Porto Alegre, Brasilien

Die Tübinger Bahnhofsuhr. Quelle: “Jornal do Comércio”, Porto Alegre, Brasilien

Übersetzung: “Der deutsche Weg*

Während ihrer Rundreise durch Deutschland ist der Physiotherapeutin Annemarie Frank aus Porto Alegre etwas komisches aufgefallen: die Uhr im Hauptbahnhof in Tübingen, einer kleinen Universitätsstadt, hatte keine Zeiger. Ausgerechnet bei den Deutschen, die so sehr auf Details achten. Dann hat sie den Grund entdeckt. Die Uhr war kaputt gegangen und hat deswegen die falsche Zeit gezeigt. Weil es nicht möglich war, die Uhr kurzfristig zu reparieren, musste man die Zeiger entfernen, damit die Passagiere nicht rennen müssen, weil sie denken sie seien spät dran, und auch nicht ihre Züge verpassen, weil sie denken sie seien zu früh.”

Jetzt kommt natürlich die Frage: Warum zum Teufel würde eine brasilianische Zeitung über die kaputte Uhr im Tübinger Hauptbahnhof berichten?

Um das zu verstehen, muss man erstmal begreifen, worum es in der Kolumne “Começo de Conversa” geht. In Brasilien haben viele Zeitungen Kolumnisten, die im Format von kleinen Notizen, manchmal nur ein Absatz lang, das tägliche Geschehen kommentieren, oft mit ironischen Anmerkungen. Dieses Format, das ich bisher in keiner deutschen Zeitung gesehen habe, wird von vielen Journalisten benutzt, um in ihrer täglichen Kolumne viele Themen auf engem Raum zu behandeln.

Den Titel “Começo de Conversa” würde man in Deutschland wahrscheinlich “Starten Sie das Gespräch” nennen, was schon einiges über die Kolumne verrät. Da werden Themen behandelt, die mit Politik, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft auf lokaler und nationaler Ebene zu tun haben. In anderen Wörtern: Alles, was zum small-talk-Stoff werden könnte. Außerdem werden manchmal Leserbeiträge veröffentlicht: In Form eines Kommentars, manchmal sogar mit Bild dazu, wie es mit der Tübinger Uhr der Fall war.

Warum ist dann das Tübinger Zifferblatt so interessant?

Weil es zu einem Vergleich mit dem eigenen Land dient. Oder, in den Worten Fernando Albrechts, dem Autor der Kolumne: “In Brasilien wird Deutschland als Synonym für Effizienz gesehen.” Sein Vater war selber Deutscher. Dieser ist 1920 nach Brasilien gekommen, in ein Land, wo fast alle öffentlichen Uhren eben nicht funktionieren. “Der Kontrast ist eindeutig.”

Am 12. Februar gab es dann eine Fortsetzung zu der Geschichte. An dem Tag veröffentlichte das Schwäbische Tagblatt in den Leserbriefen die folgende Meldung: “Nach knapp zwei Monaten Stillstand ist die Uhr endlich repariert worden!” Und außerdem hatte das Tagblatt irgendwie erfahren, dass die Uhr sogar in einer Zeitung “im fernen Brasilien” zur “Gegenstand spöttischer Betrachtung” geworden war.

Wie haben die davon erfahren?

Es hätte unser scoop, unser Exklusivbericht sein können! Na ja, wie gesagt, es ist eine vernetzte Welt in der wir leben und wahrscheinlich hat irgendein Leser mit Verbindungen nach Brasilien dem Tagblatt davon erzählt. Es macht aber nichts, denn im Journalismus zählt nicht nur der, der am ersten die Nachricht veröffentlicht, sondern auch der, der es besser macht. Und liebes Tagblatt, Sie machen eine wirklich tolle Arbeit, aber “Começo de Conversa” heißt nicht die Zeitung, sondern die Kolumne, die über die Uhr berichtet hat.

Auf jeden Fall hat das die Geschichte noch interessanter gemacht, denn zwei Tage später, am 14. Februar, kam das Feedback aus Brasilien:

Der Leserbrief aus dem Schwäbischen Tagblatt wird wieder Thema in Brasilien. Quelle: Jornal do Comércio

Übersetzung: “Das unten stehende Bild und die Notiz, die eine kaputte Uhr im Hauptbahnhof in Tübingen zeigen, sind zum nationalen Stolz geworden. In der Ausgabe von 12. Februar hat die lokale Zeitung Schwäbisches Tagblatt einen Brief eines Deutschen veröffentlicht, der sich über die lang dauernde Reparatur geärgert hat, was ein Frevel für die deutsche Effizienz ist. “Wir sind zur Spott in der Zeitung ‘Começo de Conversa’ geworden” sagt der Text. Die Uhr wurde sofort repariert, so dass eine kleine Notiz hier ein großes Problem dort gelöst hat. Bitte schön, stets zu Diensten.”

Herr Albrecht hat ansonsten in seinem persönlichen Blog ausführlicher über das Geschehen geschrieben. Hier die Übersetzung:

Brasilianische Effizienz

Letzte Woche habe ich auf meiner Kolumne “Começo de Conversa”, von der Zeitung “Jornal do Comércio” das Bild eines Zifferblattes ohne die dazugehörigen Zeiger im Tübinger Hauptbahnhof. Die Erklärung dafür, von der Leserin Annemarie Frank geschickt, ist dass die deutsche Improvisation* dort im Einsatz kam. Da die Maschine noch repariert wurde, haben sie dann die Zeiger entfernt um zu vermeiden, dass die Fahrgäste zur Irre geführt werden. Ich habe die Notiz geschrieben, um zu zeigen, dass nicht nur die Brasilianer kreative Lösungen finden können.

Das ganze entwickelte sich wenn brasilianische Studenten in Tübingen [sic] mich über die Notiz gefragt haben. Außerdem hat der dort wohnende Onkel dieser Leserin von meinem Kommentar in seinem Freundeskreis weitererzählt. Zu diesem Zeitpunkt haben die Bewohner angefangen, sich bei der Stadt wegen der Uhr zu beschweren, und einer davon hat einen Brief an die lokale Zeitung Schwäbisches Tagblatt geschrieben. Gestern habe ich ein Foto von einem Leserbrief, in dem der Leser seine Unzufriedenheit mit der langdauernden Reparatur des Problems zeigt und schreibt, dass wir zum “Gegenstand spöttischer Betrachtung” in der Zeitung “Começo de Conversa” im fernen Brasilien geworden sind – nur der Name der Jornal do Comércio hat gefehlt.

Die Uhr wurde sofort wieder unter Druck repariert. Wie erstaunlich das Internet sein kann. Ich würde so gern meinem lieben Vater diese Geschichte erzählen. Ich habe es geschafft, von Brasilien aus mit einer kleinen Notiz in der Zeitung die Reparatur eines deutschen Zifferblattes zu beschleunigen.

Ob Albrechts ironische Kommentare über das Zifferblatt im Tübinger Hauptbahnhof die Reparatur dessen tatsächlich beeinflusst haben, werden wir wahrscheinlich nie mit Sicherheit wissen. Ich stelle mir vor, wie der Bahnhofsvorsteher in Tübingen zu seinen Mitarbeitern sagt: “Jetzt ist aber Schluss: sogar Brasilien macht sich lustig über uns! Das ist zu peinlich geworden. Wir müssen diese Uhr reparieren und zwar schnell!”. Aber lustig war es auf jeden Fall.

In einer seiner E-Mails schreibt er mir: “Wenn Du oder deine Kollegen kuriose oder beeindruckende Bilder habt, schickt es mir und ich veröffentliche es. Ich lebe nämlich davon, mein Freund”. Machen wir, Herr Albrecht.

*Im Original “jeitinho alemão”, ein Wortspiel mit “jeitinho brasileiro”, ein Begriff, der sich auf die Gewohnheit der Brasilianer bezieht, immer kreativ und mit Improvisationsfreude die alltäglichen Hindernisse zu überwinden. Mehr Infos unter http://en.wikipedia.org/wiki/Jeitinho.

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0 Response

  1. Ich glaube es geht uns allen sehr gut. Denn natürlich ist eine Uhr doof, die keine Zeiger hat. Aber es hat doch jeder eine eigene am Handgelenk oder im Telefon… vielleicht sollten wir uns weniger ans Bein gepinkelt fühlen, dass man in Brasilien sich über die lange Reparaturzeit lustig macht, als dass uns das ganze überhaupt bis in die Leserbriefsparten beschäftigt.

    1. Kpupp

      Ich glaube, man hat den Artikel nicht verstanden. Keiner in Brasilien hat sich lustig über die lange Reparaturzeit gemacht. Der Leser aus Tübingen hat es so verstanden. In seinem Brief ging es darum, nicht im Artikel des Journalisten! Im Gegenteil: Er wollte nur zeigen, dass für kleine Hindernisse man einfach kleine lockere Lösungen finden kann.

  2. Pingback : Por que um relógio em Tübingen virou notícia no Brasil | Diário de Tübingen

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