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Von Ian Linck und Clemens Geier

Aufgrund des doppelten Abiturjahrgangs 2012 und des Wegfalls des Bundeswehrdienstes sind viele Unistädte mit einer überhöhten Studentenzahl überfordert. Tübingen ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Es sind zurzeit mehr als 28.700 Studierenden in Tübingen eingeschrieben, von denen 5.800 im ersten Semester sind. Das ein neuer Rekord in der mehr als 500-jährigen Geschichte der Universität. Zum Vergleich: 2010 waren es 24.600 Studierende, davon 3.600 Studienanfänger.

Wir haben Studenten gefragt, die Anfang dieses Semesters auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf waren oder immer noch sind.

Mitwohnzentrale Tübingen

Helfen beim Suchen: Mitwohnzentrale Tübingen Foto: Constantin Pläcking

Drei Stunden pendeln

Stefania, 19 Jahre alt, startete im Oktober ihr erstes Semester in Japanologie an der Uni Tübingen. Seit August sucht sie vergeblich ein Zimmer in der Stadt, obwohl sie bereits „zwischen 20 und 50 Bewerbungen“ geschrieben hat. Deshalb muss sie täglich 3 Stunden mit der Bahn von Ostfildern nach Tübingen und wieder zurück pendeln. Sie legt Wert darauf, dass das Zimmer W-LAN hat, nicht zu ländlich ist, und nicht über 300 Euro warm kostet. Außerdem müssen Mädels in der WG sein.

Selbst wenn sie nichts in absehbarer Zeit findet, kommt eine Abweichung ihrer Kriterien nicht infrage. „Ich wusste, dass es nicht einfach wird, aber ich bin körperlich benachteiligt und war mir doch relativ sicher, daher was zu bekommen. War wohl nichts“, behauptet sie. Stefanie leidet unter Fibromyalgiesyndrom, einer chronische Schmerzkrankheit.

Eine ähnliche Geschichte erzählt Eray, 22, Studienanfänger im Fach Soziologie. Er wohnt im Moment in Pforzheim und auch er ist in Tübingen noch nicht fündig geworden. Die Suche außerhalb von Tübingen hat auch nichts gebracht, denn für ihn waren die Zimmer entweder zu abgelegen oder zu teuer. Auch ist es für ihn undenkbar, weiter als nach Rottenburg zu ziehen. „Die Preise in Tübingen waren mit denen außerhalb der Stadt fast identisch. Alles ab 350 Euro ist mir zu viel, vor allem wenn es außerhalb ist. Wenn ich ein Zimmer in der Umgebung bekomme, müsste ich mir ein Ticket für die Bahn kaufen und das wird mir dann doch etwas zu teuer“, sagt er. Auch im Wohnheim konnte er keinen Unterschlupf mehr finden, da es bereits belegt ist.

Trotz allem ist er optimistisch und hat die Suche noch nicht aufgegeben: „Ich bleibe am Ball und frage ständig meine Freunde an der Uni, ob was frei geworden ist. Im November sollte es leichter sein, habe ich gehört“.

Schlafen auf der Couch

Zu anderen Mitteln musste Philipp greifen. Der 21jährige beginnt in diesem Semester sein Studium in Nanoscience.

Zuerst hatte er sich an die Wohnheime gewendet, doch deren Listen waren schon zu, als er Mitte August mit seiner Suche begann. Dann kam er nicht umhin, sich für WGs zu bewerben, was für ihn nicht so angenehm war:

Heruntergekommene Wohnungen, sehr altes Bauwerk und sehr niedrige Decken störten ihn nicht wirklich. Das Problem war der Umgang mit den Wohnungssuchenden. „Wir kamen in viel zu großen Gruppen, da konnten wir uns kaum vorstellen. Und nach 15 Minuten mussten wir schon wieder alle gehen, dann kamen die nächsten“, erzählt er. „Einmal, da haben mich zwei so reingeführt, und nach 5 Minuten wieder rausgeschmissen.“

Auf diese Weise hatte er keine Chance sich zu profilieren und fand deswegen auch kaum etwas. Nur einmal war er mit einem Mieter schon auf dem Weg, um den Vertrag für eine Wohnung in Mehringen aufzunehmen. Doch auf dem Weg kam ihnen die Frau entgegen: „Die haben die Wohnung gestern schon genommen.“

Doch er gab nicht auf, schaute sich sogar Häuser von schlagenden Verbindungen an, doch für Narben im Gesicht war er dann doch nicht bereit.

Das Semester fing an und von zu Hause pendeln konnte der Marburger nicht. Da vermittelte ihm das Studentenwerk eine Adresse: „Hier ist eine Couch, hier kannst du erst mal wohnen.“

Seitdem schlief er auf einer Couch, während das Semester begann: „Am Anfang ist es komisch, aber man gewöhnt sich dran,“ erzählt er, während er neben seinem Mitbewohner auf seiner Schlafstatt im Wohnzimmer sitzt. „Manchmal ist es doof, wenn die Schlafzeiten divergieren und ich zum Beispiel schlafe, während er am PC sitzt oder so, oder einfach ein Nickerchen auf dem Sofa macht. Aber ab Freitag hab ich meine Ruhe“, grinst er. Denn gefunden hat er etwas: Eine WG in Kusterdingen hat jetzt ein Zimmer frei und auch, wenn er sich die Miete dort kaum mithilfe seiner Eltern leisten kann, ist er glücklich, nach fast einem Monat nach Semesterbeginn etwas gefunden zu haben.

Ähnliche Probleme hatte Max, ein 27jähriger Theologiestudent, der von Berlin hierher wechselte. Da er noch weiterstudieren musste, versuchte er mittels Skype-Gesprächen verschiedene WGs von sich zu überzeugen, aber das gestaltete sich als schwierig, da viele Menschen Abneigungen gegen diese Methode hatten. „Allerdings schalten viele auch gleich wieder ab, wenn du erzählst, dass du Theologe bist. Die Leute haben da so viele Vorurteile.“

Erst kurz vor knapp fand er eine WG, die damit keine Probleme hatte und ihn gern aufnahm, allerdings nur für einen Monat zur Zwischenmiete. In der Zwischenzeit hat Max eine WG gefunden. Diese wollte allerdings einen neuen Hauptmieter, was er gerne übernahm.

Aber dann fing der Stress erst richtig an: Die Vermieterin wollte eigentlich das Gebäude verkaufen, sagte dann zu und dann wieder ab, ein WG-Mitglied sprang ab und sie mussten noch jemand Neues finden und langsam ging Max Zwischenmiete zu Ende. Nur mit viel Druck und unter erschwerten Mietbedingungen schaffte er es, den Mietvertrag zu bekommen.

Manchmal braucht man eben nur Glück

Lediglich Ann-Kathrin (Name von der Redaktion geändert) erging es besser. Die 20jährige Juristin überzeugte mit ihrem Charm bereits nach einem Monat eine komplette Jungs-WG.

Davor hatte die Jurastudentin aus dem Ruhrgebiet auch viel suchen müssen, hauptsächlich in Wohnheimen, wie jeder andere auch. Sie erzählte von Massenbesichtigungen mit über 30 Leuten auf einmal, unwirschen Verbindungen, die sie über ihre Hobbys ausgefragt hätten und Konkurrenzverhalten zwischen Wohnungssuchenden.

Sie selbst hatte hauptsächlich über das Tagblatt und wg-gesucht.de gesucht und hatte Erfolg.

Ich hatte Glück: Die Jungs suchten verzweifelt nach einem Mitbewohner, hatten aber keine Lust auf Massenbesichtigungen. Ich war nur eine von 15 Suchenden auf der Besichtigung, die gemütlich bei einer Tasse Tee in der Küche stattfand und dann hat es einfach gepasst.“

Obwohl ihr Zimmer sehr klein ist, fühlt sie sich mit ihren „Jungs“ pudelwohl. Manchmal braucht man eben nur Glück.

Wie ging es Dir? Hattest du auch Probleme? Erzähl uns deine Geschichte in den Kommentaren.

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  1. Hallo, also ich bin zum Semesterbeginn umgezogen und zwar auch mit viel Glück.
    Aber hauptsächlich möchte ich allen, die noch nichts gefunden haben einen Tipp geben: Es ist einfacher und billiger was in der Umgebung von Tübingen zu finden. Ein Semesterticket braucht man meist auch, wenn man in Tübingen wohnt und Richtung Süden und Norden gibt es meiner Meinung nach sehr gute Anbindungen. Ich bin nach Herrenberg gezogen (nördlich gesehen die letzte Stadt, dass mit dem Studi-Ticket erreichbar ist) und ich komm jeden Tag gut nach Tübingen und wieder zurück.
    Bei den meisten Studiengängen geht es in erster Linie ums Studieren, also ist man die meiste Zeit eh in der Uni bzw. Bibliothek, also lasst euch nicht von Fahrtzeiten von bis zu 30 min abschrecken, es lohnt sich auf jeden Fall.
    Wünsche allen noch viel Erfolg!!!

  2. Pingback : Atacando em várias frentes | Diário de Tübingen

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