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Neue Gebühr, alte Fehler – Was öffentlich-rechtlicher Rundfunk besser machen muss.

Die Art wie wir Medien konsumieren ändert sich. Dieser abgedroschene und für fast alles verwendbare Satz stimmt leider. Auch die obersten Medienvertreter scheinen das verstanden zu haben, schaut man auf das, was öffentlich behauptet wird. Was damit aber offenbar verstanden wird, ist aber folgendes:

„Oh, wie blöd, es gibt da so was wie das Internet jetzt. Wir müssen was damit machen. Also machen wir halt irgendwas.“

Das hilft nicht viel. Vor allem aber scheint es, man mache zwar irgendetwas online, aber was das genau ist, versteht auch irgendwie keiner. Ich möchte mich hier vor allem mit dem Radio beschäftigen. Denn gerade in dieser Neuen Welt scheint Radio nicht besonders schnell mitzukommen. Obwohl es eigentlich nicht so schwer wäre. Da ich in der Mitte Baden-Württembergs wohne, ist das öffentlich-rechtliche Programm das ich hören kann, vor allem das des SWR. Dieser produziert sechs Hörfunkprogramme für BW: SWR 1 BW, SWR 2, SWR 3, SWR 4 BW, DASDING und SWR Info.

Fernsehturm Stuttgart des SWR – Hier kommt der Hörfunk her. Bildquelle: http://www.manfredbauer.de/wp-content/gallery/080210_fernsehturm/080210_Fernsehturm%20001.jpg

Da es sich hierbei um eher meine Musik handelt, wäre DASDING die beste Wahl als Radiosender für mich, ginge es danach, wie sich die SWR Programmplaner das so vorstellen. Doch Fakt ist, ich höre vor allem SWR 1 BW. Woran liegt das?

Nicht unbedingt an der Musik, die ist eher etwas für meine Eltern, obwohl dennoch gut hörbar. Nein es liegt vor allem an den Beiträgen die kommen. Es liegt an Sendungen wie SWR 1 Leute, SWR 1 Aktuell und SWR 1 Thema Heute. Denn hier kommen gute Informationen über das, was am Tag passiert ist, mit ein bisschen Musik zur Unterhaltung zwischendurch.

Was will ich damit sagen? Für mich ist nicht die Musik ein Einschaltgrund für Radio. Denn wenn ich meine Musik hören will, kann ich über Programme wie Spotify oder Last.fm im Stream Musik hören die genau auf mich zugeschnitten ist. Einmal eingestellt sucht ein Programm Musik nach meinem Geschmack aus. Gefällt mir ein Lied nicht, kann ich weiterklicken, bis ich etwas mag. Mit der Fokussierung auf das Musikprogramm bleiben die Entscheider beim Radio in einer Nostalgie der 90er hängen; einer Zeit, in der Jugendliche noch mit dem Kassettenrekorder vor dem Radio saßen, um das Lieblingslied mitzuschneiden. All das passiert nicht mehr. Und eigentlich weiß man das auch, schließlich nutzen die Musikredakteure beim Radio schon lange eben solche Programme, die ein Musikprogramm nach einem Algorithmus auswerfen.

Warum also bleibt man also auf die Musik fixiert? Ich verstehe das nicht.

Nehmen wir z.B. das nach eigenen Angaben „Pop-Radio Nr.1 in Deutschland“ SWR 3.

Kritik wird hier häufig damit abgetan, dass der Erfolg einem doch Recht gebe. Und es ist richtig: SWR 3 gehört (glaubt man der Studie der Media Analyse, deren Aussagekraft ich bezweifle, was aber hier nichts zur Sache tut) zu den erfolgreichsten Sendern Deutschlands. Einen Unterschied zu „Hitradio XY“ mit den „Größten Hits überhaupt und sowieso“ sehe ich aber nicht mehr. SWR 3 ist unhörbar geworden. Alle drei Minuten wird mir gesagt, dass ich SWR 3 höre und dass es hier „Mehr Hits“ und „Mehr Kicks“ gebe. Dabei bleibt es mir ein Rätsel, wie es SWR 3 schaffen will mehr Musik pro Stunde zu spielen als all die anderen Sender, denn auch hier kommt Werbung. Vor den drei Minuten Nachrichten wird mir dann noch gesagt, dass ich hier „Einfach besser informiert“ sei. Ganz unabhängig davon, dass es nur noch nervt, ist diese Behauptung eigentlich wirklich abenteuerlich, denn ich kenne aus dem eigenen Haus bereits vier Sender die besser informieren (1, 2, 4 und Info). Und schaut man sich im ganzen ÖR –Spektrum um, fällt mir ganz spontan noch Deutschlandfunk und Deutschlandradio Kultur ein. Die informieren nun wirklich besser. Die Frage ist, mit wem man sich vergleicht? Wohl mit den Privatradios. Doch ist das wirklich der Anspruch? Hier kommen irgendwo eingekaufte Nachrichten auch gerne mal um fünf-vor, damit man behaupten kann, man informiere früher. Das kann nicht der Anspruch eines gebührenfinanzierten Programms sein. Es gibt zwar ein SWR 3 Topthema am Nachmittag. Aber das kann man auch nicht mehr als guten Journalismus betrachten, wie Thorsten Reimnitz weiß:

Auch Beiträge lassen zu wünschen übrig. Bis auf Promo für SWR 3 Events fallen wenige im Programm auf. Bei diesem Programm höre ich nicht den Grund, warum dafür auch nur ein Cent meines „Rundfunkbeitrags“ ausgegeben werden sollte. Damit Johann Lafer in ein Mikrophon spricht und dabei was kocht was ich nicht sehen kann? Eher nicht.

Aber auch das Programm für meine Zielgruppe -„DASDING“ – ist unglaublich seicht. Es scheint als ob der große Bruder „SWR 3“ da massiv abfärbt. Die Musikauswahl ist gut, doch, wie bereits oben erwähnt, kann ich das alles auch auf meinem Computer haben. Obwohl es lobend zu erwähnen ist, dass DASDING werbefrei* sendet, hebt es sich nicht ab. Die Nachrichten sind zwar von einem „Programm des SWR“, aber trotzdem nur 1:30 min. Die Beiträge im Tagesprogramm sind von der Qualität: „Es ist heiß draußen, wir schwitzen!“ – „Es ist kalt draußen, wir frieren!“ – „Es regnet – wie doof!“. Dann folgt das „Hey ist das bei dir auch so? Ruf uns doch an und wir reden ein bisschen über Irrelevantes“. Gutes kommt nur am Abend. Hier kommen gute Interviews mit Künstlern, neue Musik. Alles nur ab 20 Uhr. Abgeschoben sozusagen. Und politische Inhalte kommen so gut wie gar nicht vor. Es scheint als denke man sich: „Jugendliche interessieren sich nicht für Politik. Diese Ansicht ist nicht wahr. Viele würden sich dafür begeistern, wenn es nur in ihrer Welt stattfinden würde. Stattdessen gibt es „StarBla“ mit irgendwelchen „Bunten Meldungen“. Kann mir einer bitte erzählen, warum ein Ausrutscher auf einer Gala von irgendeinem Star in den USA relevant ist?

Ich weiß, es gibt viele Menschen die sich für solche Dinge interessieren. Und deswegen sollen sie auch nicht verschwinden. Aber das als einziges? Jugendliche werden durch den SWR nicht hintergründig informiert, obwohl vieles aus Berlin und Stuttgart auch Jüngere betrifft. Gerade die. Schließlich müssen die jetzigen Jugendlichen all das bezahlen, was heute auf Pump gekauft wird. Das aufzuarbeiten ist meiner Meinung nach Pflicht eines jeden ÖR- Programms. Und es geht. Schaut man beim RBB zu Fritz, kann man sehen wie es besser ist. Eine Stunde Diskussion am Mittag zu relevanten Themen ohne Musik. Es geht. Man muss es nur machen.

Aber auch in den anderen Sendern des SWR gibt es Probleme. Es ist geplant, ab 2016 das Programm von SWR 4 morgens nicht mehr in die Regionalprogramme zu spalten. Es ist zwar nicht meine Musik, aber die Regionalnachrichten und die regionalen Sendungen sind gut. Es ist das einzige Radio das noch aus der Region, für die Region berichtet. Das ist etwas wofür Gebühren gerechtfertigt sind. Für gute regionale Berichterstattung muss man eben ein wenig Geld hinlegen.

Informationen und relevante Beiträge sind das einzige, was Radio heutzutage noch von irgendeinem Webstream unterscheidet. Das zu realisieren ist die große Aufgabe der Bosse im Rundfunk. Einfach so weitermachen geht nicht mehr. Wer in Zukunft noch Argumente finden will, warum der Rundfunkbeitrag gerechtfertigt sei, muss jetzt handeln. Man muss aufhören Regionalstudios immer weiter abzuspecken. Man muss aufhören, die Menschen für blöd und uninteressiert zu verkaufen. Und man braucht neue Konzepte in der digitalen Welt.

Hier kommt meine Idee:

Baut eine SWR Radio Mediathek auf, in der alle Beiträge abrufbar sind. Aber dabei soll es nicht bleiben. Programmiert einen SWR Player. Hier sollte ich ein Profil anlegen können: Welche Musik will ich? Will ich Weltnachrichten? Will ich Regionalnachrichten? Will ich Verkehr? Will ich tiefergehende Beiträge hören? Wenn ja, welche Themen interessieren mich und wie lange sollen die Beiträge sein? Nach meinem Profil stellt ein Computer mir einen personalisieren Stream zusammen mit einer Musikauswahl. Um Punkt kommen in dem Stream live Nachrichten und um halb live Regionalnachrichten. Danach jeweils Verkehr. Bei Gefahrenmeldungen jeweils gleich, aber auch nur wenn ich im Auto bin. Und bei aktuellen Ereignissen auch die Beiträge live. Der Moderator soll auch nicht abgeschafft werden. Die live Beiträge kann man von ihm moderieren lassen. Es kann einem in einem Dialogfenster auch Themen angeboten werden. Die kann ich dann hören oder nicht. Mit Internet-Flat fürs Handy auch im Auto. Der Schweizer Rundfunk macht es bereits. (Danke für den Hinweis an Sandra Müller)

Ich freue mich schon darauf.

Euer treuer Freund

Constantin

PS: Welcher Nobelpreisträger hat eigentlich entschieden, dass man aus DAB jetzt DAB+ machen muss. Mein teures Radio funktioniert nicht mehr! Damit hat man alle Digital-Pioniere vor den Kopf gestoßen. Dümmer geht’s kaum. Ein wirklicher Vorteil ist nicht zu erkennen.

*Update 9.3.13, 14:30: Gerade sehe ich, dass DASDING im Radio und im Internet “ein massiv geiles NOKIA Lumia 920” verlost. “Powered by Vodafone” natürlich. Außerdem hat es “gestochen scharfe Fotos”, “ein hochauflösendes Display und ein integriertes Navi”. Außerdem kann man “den Akku kabellos aufladen”. Ist das schon Vermischung von redaktionellem Inhalt mit Werbung? Keine Ahnung. Wenn nicht das, dann ist es aber eine schöne gesponsorte Verlosung. Also die Grauzone dazwischen. Herzlichen Glückwunsch.

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0 Response

  1. Tillman

    Was mich viel mehr nervt als das gebührenfinanzierte Kommerzradio von SWR3 sind die Informationssendungen vom Deutschlandradio. Die senden ernsthaft nachmittags um drei oder vier DREISSIG Minuten über neue Forschungserfolge in der Darmkrebs-Diagnose. Kein Wunder, dass das niemand hört. Wer gutes Talk-Radio mit hohem Informations- UND Unterhaltungswert hören will, dazu mit gut gemachtem Online-Auftritt höre:
    http://www.bbc.co.uk/radio4/

  2. Markus

    Hallo Constantin, schöne Ideen, aber nicht umsetzbar…

    ich würde dir mal empfehlen den § 11d Abs. 5 Satz 3 des Rundfunkstaatsvertrages durchzulesen. Dort steht, dass die ÖR keine großflächige Regionalberichterstattung in ihren Telemedien (das sind digitale Medien) verbreiten dürfen. Auch eine Begrenzung der sendungsbezogenen Beiträge ist auf 7 Tage beschränkt.

    Hier liegt das Problem weniger beim SWR, als vielmehr an der Politik, an der Lobbyarbeit der Privaten und an der Dekadenz eines jeden Einzelnen. Würde man den ÖR als ernsthaftes Medium würdigen, dann gäbe es eine andere Debatte.

    Da du ja ein informierter Mensch bist (alleine dein Akronym “ÖR” hat mir das gezeigt), wirst du schnell erkennen, dass wir beide (näheres gleich) eher Ausnahmen sind und noch den ÖR nutzen. Es gibt unzählige Jugendliche, die eher beim Privatradio ego FM oder sonstwo gelandet sind, vielleicht noch glücklicherweise bei SWR 3 aus Sicht des SWR, von daher ist die ganze Diskussion schwierig und für Sender schwer zu machen.

    Nun zu mir:
    Ich höre ein Privatradio… R.SA Sachsen. Warum mache ich das? Ich finde die ältere Musik einfach noch klasse, es ist einfach Musik. Das war noch Rock, Pop, usw. wie er war. Daneben ist es im Sommer geil, California Dreamin zu hören ,gehört sich so zu nem Lebensgefühl der Ferien 😉
    Daneben höre ich viel österreichisches Radio und eben Bayern 3. Komme aus Bayern. Beim Radio bin ich sehr lachs und mir gehts mehr um Musik außer bei Ö3. Ich will über Österreich informiert sein, liebe dieses Land. Beim TV hingegen ist das noch krasser. Da konsumiere ich einerseits sehr oft ARD/ZDF, allerdings sind die beiden Kanäle auch immer mehr dabei die anspruchsvolleren Sendungen in den späten Abend/Nacht zu verdrängen. Da bleibt nur noch der ORF oder sonst irgendwas.

    Aber auch ich bin die Ausnahme und es gibt nur wenige, die ähnlich ticken. Die meisten – aus deiner Klasse oder deinem Alter – werden dir sagen, ich höre Radio 7, Energy, ego FM und im TV RTL2, VOX und ProSieben.

    Alles andere würde mich überraschen! Von meiner Abitursklasse (20 Leute) sind nur 3, die so ähnlich wie wir beide sind. Wir sind eine Minderheit!

    1. cplaecking

      Ich finde auch, dass die Politik sich hier über den Tisch hat ziehen lassen. Es ist eine Unverschämtheit, dass ich keine regionalen Beiträge online haben darf. Ich habe dafür bezahlt. Gleiches gilt für das depublizieren nach 7 Tagen. Da haben die Presseverlage gute Lobbyarbeit gemacht aus ihrer Sicht.
      Leider habe ich auch das Gefühl, dass sich immer weniger unserer Generation dafür interessieren. Das kann sich nur durch interessante Inhalte ändern, die eben online stattfinden müssen. Lineares Radio hört man halt nicht mehr so häufig.
      Und das von Springer geschriebene Gesetz beschränkt das halt offensiv die Verbreitung in den neuen Medien und die Bild schreibt dann, dass die ÖR keine Angebote für Junge Menschen haben. Man sehe die Ironie.

  3. Koram Publicam

    Guten Tag,

    leider ist dein Beitrag, besonders im Teil über DASDING, von nicht belegbaren Behauptungen durchzogen. Ich möchte von definitiv falschen Behauptungen sprechen. Das ist schade, weil dadurch die Glaubwürdigkeit deines insgesamt durchaus richtigen Textes infrage gestellt werden muss.

    1. cplaecking

      Welche Aussage über DASDING ist denn unwahr? Dass es seicht ist und vor allem Themen behandelt die weniger relevant sind? Dass die Nachrichten nur kurz sind? Ich möchte sagen, dass diese Infos richtig sind. Es ist natürlich überspitzt formuliert, ist aber im Kern wahr. Das kann man nicht nur hören, das ist auch in der Redaktion so (gewesen). Ich weiß es. Ich habe dort ein Praktikum gemacht.

      1. Koram Publicam

        Soso.
        Nachrichten bei Dasding in 1:30? Wohl nur in den seltensten Fällen. Ich habe die Woche über stichprobenartig reingehört, es waren immer deutlich mehr als 2 Minuten, alle relevanten Infos waren abgedeckt und für die Zielgruppe hervorragend aufbereitet.

        1. cplaecking

          Gut, dann halt 2 Minuten. (29.7. 15:00 waren es 1:55 min) Geschenkt. Das ändert nichts am Argument. Andere Sender machen 5 min. Und die Nachrichten sind auch eigentlich nicht das größte Problem. Im sonstigem Programm kommt Politik eben nicht vor. Ich muss sagen, dass ich, seit ich den Artikel im März geschrieben habe, nicht mehr DASDING gehört habe. Vielleicht ist ja jetzt wie ein Wunder alles anders geworden. Das wäre schön und würde mich sehr freuen.

          Edit: Aha. Am 11. und 12. September kann man Angela Merkel und Peer Steinbrück fragen stellen. Das ist gut. Da werden die Jugendwellen der ARD zusammengeschalten, oder. Merkel macht das nicht exklusiv für DASDING, oder?

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